• פולין – POLIN – 2. Teil


Polin
1 – Museum der Geschichte der polnischen Juden

Im 14. Jahrhundert wurden Juden aus deutschen Landen2, Spanien und Portugal, Ungarn, Frankreich, aus Moskau und Kiew, später aus England vertrieben. Sie gingen, auf Einladung des polnischen Königs Kasimir des Großen, Richtung Osten bis sie das Stück Erde gefunden haben, wo sie glaubten, sich dort niederlassen zu können. Sie fanden das Land als „ohne erbitterten Hass gegen uns wie in Deutschland“.

„Es soll so bleiben, bis der Messias kommt“, sagte später Moses Isserles. Die zugeneigte Politik der polnischen Könige bewirkte, dass Polen für die Juden in der Tat das größte europäische Haus wurde, lange Paradisus Judaeorum genannt. Man sagte – Polen war „Himmel für das Adel, Fegefeuer für das Bürgertum, Hölle für die Bauern und Paradies für die Juden“. Eine beschleunigte Entwicklung der jüdischen Kultur bewirkte, dass Polen in den nächsten Jahrhunderten tatsächlich das Zentrum der jüdischen Welt wurde. Mitte des 16. Jahrhunderts lebten in Polen 80 Prozent aller Juden!

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Weder die Juden noch die Polen strebten nach Assimilation – das war im Sinne sowohl der Rabis als auch der katholischen Geistlichkeit.   Obwohl sie die gleichen Gebiete bewohnt haben, hatten sie getrennte Administration und Bildungswesen. Trotz der Unabhängigkeit nahmen die Juden ihren bestimmten Platz in der sozialen Stratifikation ein: als das 4. Stand, nach dem Adel, dem Bauernstand und der katholischen Geistlichkeit.

Im 18. Jahrhundert – infolge der Teilungen des Königtums Polen – fanden sich die meisten Juden plötzlich im russischen und im österreichischen Imperium. Eine gewisse Isolation von dem Hauptstrom des geistigen Lebens in Europa begünstigte eine einmalige Entwicklung: Bemerkenswert viele Juden wandten sich den kabbalistischen und messianistischen Bewegungen zu, die ihren Anfang im Mittelalter nahmen: der osteuropäische Chassidismus wurde geboren und verbreitete sich rasant. Charakteristisch für diesen war eine heitere Lebensweise, ohne Askese und Sühne; die Freude am Leben, die Heiterkeit, das freudige Erwarten des Messias – das war das modus vivendi in der schwierigen historischen Zeit.

Im Jahr 1791, am 27. September, verkündete die Französische Nationalversammlung die Gleichstellung der französischen Juden. Das war der Beginn der jüdischen Emanzipation, der Bewegung vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. In den unter dem französischem Einfluss – in der Zeit der napoleonischen Kriege – stehenden deutschen Gebieten wurden die Juden vorbehaltlos emanzipiert3. Dadurch bekam die jüdische, von Berlin ausgehende Bewegung der Aufklärung, die Haskala, erst ihre rechtliche Grundlage. Haskala, die schon früh die Juden  im östlichen Europa erreichte, hatte die Assimilation beschleunigt, aber auch die jüdische Identität gestärkt – durch Edukation in Hebräisch und in der jüdischen Geschichte. Zionismus und andere politische Bewegungen sind ihre späteren Ausläufer. Jedoch waren bei weitem nicht alle Juden von der Haskala beeinflusst, viele blieben Anhänger der von Halacha bestimmten traditionellen Lebensweise: orthodoxe Juden und Chassiden.

Juden, nicht nur in Polen, lebten über Jahrhunderte in einer Parallelgesellschaft. Es gab nach wie vor so gut wie kein Streben nach Assimilation. Diese Regel bestätigen nur die wenigen, im 18. und 19. Jahrhundert stattfindenden, Übertritte zum christlichen Glauben – was zur damaligen Zeit eine Bedingung sine qua non der Assimilation war. Die Assimilation dieser Menschen – als Beispiel können hier die Frankisten4, aber auch andere dienen, die sich für die Taufe entschieden haben – dauerte mehrere Jahrzehnte und verlief nicht ganz ohne Widerspruch, auch aus dem Grund, dass die getauften Juden ihren Platz in der Oberschicht einnahmen. Sie und ihre Nachkommen spielten eine herausragende Rolle in der Gesellschaft – in der Kultur und vor allem in der Wissenschaft.

Die Gleichstellung der Juden in den europäischen Gesellschaften bedeutete für sie eine Weichenstellung. Die Emanzipation im Osten Europas verlief jedoch langsamer, die meisten Juden lebten althergebracht in den jüdischen Vierteln der Großstädte, in Schtetln und auf dem Land. Die verspätete Entfaltung war ein Grund unter anderen, dass sich nach und nach immer mehr Juden aus den östlichen Gebieten für eine Auswanderung in Richtung Westen entschieden. Im östlichen Europa lebten nicht nur die Juden, aber auch alle anderen Gesellschaftsschichten bis zum Jahr 1939 sehr traditionell. 1921 gewährte die polnische Märzverfassung5 den Juden gleiche Bürgerrechte und garantierte ihnen religiöse Toleranz. In Polen lebten in dieser Zeit circa 3 400 000 Juden, etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Zwischenkriegszeit, die Jahre zwischen 1918 und 1930 war sicher das Höhepunkt der kulturellen Entwicklung der assimilierten Juden, die beispiellos die Kulturszene und die Wissenschaft bereicherten. Sie leisteten einen großen Beitrag zur Musik, Malerei, Literatur, Philosophie und Mathematik. Das betrifft übrigens auch andere europäische Länder.

Nach dem Tod von Józef Piłsudski, der keinen Antisemitismus duldete, hat sich dieser, im Gleichschritt mit der Entwicklung in anderen europäischen Ländern rasant verbreitet. Es war der Un-Geist der Zeit. Die Katholische Kirche in Polen, die im 19. Jahrhundert entschieden gegen Nationalismus und Antisemitismus auftrat, begann zu dieser Zeit mit dem alten kirchlichen Antijudaismus zu spielen. Auch die besonders im Osten des Landes wirkende Partei Narodowa Demokracja, die wiederum den angeblich schädlichen Einfluss der Juden auf die polnische Gesellschaft und auf die Wirtschaft des Landes predigte, hatte entschieden zur der späteren Haltung vieler Polen, allen voran der Landbevölkerung, während des Krieges und der Okkupation vom Dritten Reich beigetragen. Die antijüdische Propaganda war massiv, sie war unerträglich. Ihr Einfluss war enorm.

Im Dezember 1939 schrieb Jan Karski6: „Das Volk hasst seinen Todfeind, die Deutschen, aber die Judenfrage bildet eine Art schmaler Brücke, wo sich die Deutschen und ein Großteil der polnischen Gesellschaft treffen.“

Und es geschah, wie es geschehen musste: Durch die Demoralisierung, die aus den Lebensumständen im okkupierten Polen resultierte, herrschten moralische Depravation, Verachtung der zehn Gebote, aber auch Gier, und so kam es dazu, dass sowohl Juden, die sich vor den Deutschen verstecken konnten, als auch ihre Retter hundert- und tausendmal von ihren Nachbarn an die Gestapo ausgeliefert wurden, was sie und die Helfenden, wie zu erwarten, das Leben kostete. Wahrlich, ein Sündenfall!

Und es waren noch mehr Menschen, die die Vernichtung der Juden begrüßten, viel mehr als die, die selbst dazu beitragen hatten.

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Es mussten zwei Generationen vergehen, bis es möglich wurde, dass das, was lange Zeit tabuisiert war, also der genaue Verlauf der Judenverfolgung und das Verstricktsein in dieses Geschehen der Bevölkerung, sowohl der deutschen, als auch in den Ländern, die sich mit dem Dritten Reich im Krieg befanden, zu beleuchten. Polen, das 1939 als Staat aufhörte zu existieren, vom Dritten Reich sechs Jahre und von der Sowjetunion zwei Jahre okkupiert worden war, nimmt in der Geschichte der Schoah eine besondere Stellung, allein aus dem Grund, dass sich die Vernichtung der Juden auf dem polnischen Gebiet abspielte.

Die Erkenntnisse aus der Auswertung der historischen Quellen sind erschütternd. Sie zeigen, welche Kraft in der Verführung liegt.

„Verführung“ verstehe ich hier wortwörtlich, was heute ungewöhnlich, ja, semantisch nicht ungefährlich ist. Es übersetzt sich: Dem Bösen unterliegen. Und das bedeutet, die Existenz des Bösen anzunehmen. Die beiden Begriffe: das Gute und das Böse werden im heutigen Sprachgebrauch grundsätzlich abstrakt oder metaphorisch genutzt und verstanden. Ich will hier in diesen Kategorien in ihrem eigentlichen Sinne sprechen, denn ich glaube, dass nur die wortwörtliche, adäquate Bedeutung vom „Gut“ und „Böse“ helfen kann, zu verstehen, wie es möglich war, dass mitten im 20. Jahrhundert, mitten in Europa Millionen Menschen zu Tode kamen. Das Wort „Verführung“ hat in seinem Klang ein Hauch von Leichtigkeit und lässt beide Seiten des Geschehens auf einem sandigen Grund stehen. Die Schuld wird zum Ball zwischen dem Verführer und dem Verführten. Wer hat die größere Schuld? Wir wissen, in jedem von uns wohnt neben dem Guten – auch das Böse. Um das Gute im Menschen zu aktivieren ist ein waches Bewusstsein notwendig, das für eine Entscheidung – dafür oder dagegen – notwendig ist. Wenn das Bewusstsein nicht ausgeprägt ist, wenn der Mensch nicht aufmerksam ist, wenn Triebe und niedere Affekte vorherrschen, ist es ein Leichtes, der Verführung, der Manipulation zu verfallen.

Sowohl in Deutschland als auch in Polen, aber auch in den anderen Ländern, in den der Antisemitismus ausgeprägt war, war er vorerst nur verbaler Natur und hatte er in den frühen Phasen nicht den Charakter des mörderischen Hasses. Erst als die Juden vom Dritten Reich, einem Terror-Staat, mit dem Bann belegt wurden, als sie zunehmend recht- und schutzlos wurden, konnte in so vielen Menschen das in seiner Natur befriedigende Gefühl der Macht über andere aufsteigen, sich zudem durch die Massenhaftigkeit des Phänomens verstärken. Diese Macht bedeutete Macht über Leben und Tod.

Um die Verführung an dem Volk vollkommen zu machen, hatte die Staatsmacht in Deutschland die Bevölkerung an der Enteignung der Juden beteiligt. Dadurch wurde die Verstrickung in das verbrecherische System exemplarisch. Das große Vermögen hatte der Staat requiriert, dem Kleinbürger aber die Schnäppchen aus der Auflösung der jüdischen Haushalte gegeben. In Generalgouvernement erlaubte der Deutsche Okkupant der unglaublich verarmten polnischen Landbevölkerung ein Teil des jüdischen Eigentums als Belohnung für den Verrat an den sich noch versteckenden Juden für sich zu behalten – ein größerer Teil des geraubten Vermögens wanderte in die deutschen Kerngebiete. Das Böse im Menschen war erfolgreich aktiviert, die nachfolgenden Verbrechen in den unterworfenen Ländern eine logische Fortsetzung.

Nach vorsichtigen Rechnungen wurden von Vertretern der Landbevölkerung, aber auch von einfachen Banditen und zum Teil vom städtischen Lumpenproletariat etwa 60 000 bis 200 000 Juden umgebracht oder an die Deutschen verraten. Und noch schlimmer: Hunderte von Juden, die sich retten konnten, die unmittelbar nach dem Krieg aus der Sowjetunion zurückkehrten, wurden zu oft von den Menschen, die ihre Habe, ihre Häuser an sich genommen haben, ermordet.

Hier nur ein Zitat: Barbara Engelking, eine Forscherin, die zum Thema Vernichtung der Juden während des II. Weltkrieges forscht, schreibt –  „Die Dankbarkeit gegenüber Hitler für das Loswerden der Juden ist ein sich wiederholendes Motiv in den Schilderungen der Ereignisse.“

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So wie Paul Celan, so steht die Dichterin Zuzanna Ginczanka für Möglichkeit der Poesie im »Angesicht der Shoah«: Non omnis moriar.

Non omnis moriar ist ein Meisterwerk der polnischen Literatur. Die Sprache der Dichterin ist voller Sarkasmus und Hohn. Das scheint das einzige Mittel zu sein, über die giftigen Früchte der moralischen Verderbnis so Vieler zu schreiben. „…Transfigure the birds of prey into angels. …“ – Die rhetorische Figur: „… verwandelt Raubvögel in Engel“ ist, meine ich, die tiefgründigste Metapher in einem Werk, das die Niederung der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes offenbart.

Zuzanna Ginczanka (Zuzanna Polina Gincburg)

Non omnis moriar
1942
by Zuzanna Ginczanka
translated from the Polish by Nancy Kassell and Anita Safran

Non omnis moriar. My grand estate –
Tablecloth meadows, invincible wardrobe castles,
Acres of bedsheets, finely woven linens,
And dresses, colorful dresses – will survive me.
I leave no heirs.
So let your hands rummage through Jewish things,
You, Chomin’s wife from Lvov, you mother of a volksdeutscher.
May these things be useful to you and yours,
For, dear ones, I leave no name, no song.
I am thinking of you, as you, when the Schupo came,
Thought of me, in fact reminded them about me.
So let my friends break out holiday goblets,
Celebrate my wake and their wealth:
Kilims and tapestries, bowls, candlesticks.
Let them drink all night and at daybreak
Begin their search for gemstones and gold
In sofas, mattresses, blankets and rugs.
Oh how the work will burn in their hands!
Clumps of horsehair, bunches of sea hay,
Clouds of fresh down from pillows and quilts,
Glued on by my blood, will turn their arms into wings,
Transfigure the birds of prey into angels.

Zuzanna Ginczanka (eigentlich Zuzanna Polina Gincburg; 1917–1944), eine junge polnische Dichterin, versteckt sich in Lemberg, einer bis zum 17. September 1939 polnischen Stadt, die nach diesem Datum unter sowjetische Verwaltung fällt, einer Stadt, die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 zu einer Falle wird für alle hier lebenden Juden. Ginczanka, geplagt und gequält von Erpressern, den Schmalcowniks entgleitend, unterliegt indessen im Herbst 1944 in Kraków, wo sie sich zu dieser Zeit versteckt, einer Denunziation: Sie fällt in die Hände von Gestapo und wird 27jährig – weil sie Jüdin ist – erschossen.

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Nach dem Krieg herrschte bei den Menschen jahrzehntelang eine Sprachlosigkeit, ein Beschweigen der Leere. Diese war übrigens nicht immer wahrnehmbar, vor allem für die später Geborenen: Die Häuser, die Wohnungen und Werkstätten aus dem jüdischen Eigentum wurden besetzt und angeeignet. Eine gewisse Sprachlosigkeit – wohl der Ausdruck von einem diffusen Schuldgefühl – war da. Einer Schuld, die auch heute von vielen geleugnet wird. Es gab also etwas, worüber man im Allgemeinen ungern sprach.

Ich hörte fremde Namen, die der Vergangenheit gehören, ich hörte von Gegebenheiten, die kein Entsprechen in der neuen Zeit hatten und von Menschen, die nicht mehr da waren. Es waren einfach zu viele abwesend, dass man dies als einen normalen Lebensgang hätte verstehen können. Es waren Lektüren, es waren Gedichte, die von etwas erzählt hatten, das man nicht immer verstand. Was fehlte, wer fehlte – über das sprach man nicht viel und wenn, dann mit gedämpften Stimmen, irgendwie ungern. Ich schaute Bilder in den Familienalben und ich hörte von Menschen, von denen jemand entschied, dass sie nicht leben sollten.

Im Museum wurde das polychromierte hölzerne Gewölbe der 1942 zerstörten Synagoge in Hwisdez (Gwoździec) rekonstruiert

Hier muss ich erwähnen, dass ich meine Jugendjahre in einer Stadt verbracht hatte, die nicht weiter als 50 Kilometer von der Ortschaft entfernt ist, die für immer in die Weltgeschichte einging – auf die denkbar negative Weise: von Auschwitz. Die Nähe, aber auch die Tatsache, dass mein Vater nicht über lange Zeit, aber immerhin, das Leben und Sterben in dem KL Auschwitz sich anschauen musste, das alles warf einen langen Schatten auf meine Kindheit und Jugend. Es wurde nicht viel darüber gesprochen, vor allem Vater, wie alle Überlebenden, sprach nicht, und wenn, dann nur auf mein aufdringliches Nachfragen. Jedoch mit der Zeit konnte ich mir ein Bild von dem machen, was in der Zeit der Okkupation geschehen war. Das Bild über das Leben  v o r  diesem Krieg war bei mir jedoch sehr schattenhaft und das Wissen darüber voller weißer Flecken. Der Krieg stellte eine Zäsur dar, die ich erst viel später fassen konnte in ihrer Bedeutung. Als Kind empfand ich die Vergangenheit, die Zeit vor dem Krieg, als eine längst vergangene Epoche, eine Zeit vor der Sintflut. Es gab überhaupt keine Kontinuität. Vor dem Krieg und nach dem Krieg – das waren – in diesem Land besonders – ganz andere Welten.

Erst allmählich hatte sich ein Bild des Landes aus der Vorkriegszeit vor meine Augen gestellt, am auffälligsten war die Konstatation: Es war bis zum Kriegsausbruch ein Staat mit vielen Nationen. Das stand im Kontrast dazu, was ich selbst in dem Land sah: Eine homogene Bevölkerung, beschnittene Grenzen, fremde Gebiete und eine für mich wahrgenommene, aber mit den Augen nicht gesehene, Leere. Was fehlte denn? Was geschah mit den Menschen, mit den Völkern, die jetzt nicht mehr da waren? Ich hörte, die deutsche Minderheit hat das Land mehr oder weniger freiwillig verlassen, einige blieben, man konnte jedoch nicht mehr über eine deutsche Minderheit sprechen. Die Ukrainer sind mit den östlichen Gebieten des früheren Polen der Sowjetunion einverleibt worden. Die Juden, das ganze Volk, dass im östlichen Polen seit Jahrhunderten gelebt hatte, war vernichtet, ermordet. Wie sich das genau zugetragen hatte, erfuhr ich erst in Laufe der Jahre, denn in der stalinistischen Zeit hatte man mit Gewalt historische Politik betrieben: Statistiken gefälscht, Tatsachen verschwiegen und verfremdete Narrative als die einzig wahren zum Glauben gegeben. Ich wusste nicht, wie wenig diese „Wahrheiten“ mit den Fakten zu tun hatten. Erst in der Zeit nach dem Jahr 1989 konnte man frei forschen und endlich die Geschichte erzählen.

Für mich persönlich, so wie für viele aus meiner Generation, bedeutete erst das Jahr 1968 einen Durchbruch. Im März dieses Jahres – das Thema behandele ich genauer in diesem Artikel – erlebte ich einen atavistischen Überfall der Kräfte, die gänzlich die alten Dämonen waren – Antisemitismus und Nationalismus: Plötzlich brach eine politisch organisierte, von den Machthabern angestrebte antisemitische, furiose Aktion vom Zaun. In Folge des Pogroms ohne Blutvergießen hatten etwa 20 000 Juden Polen verlassen. Diese Kampagne, obwohl sie gegen die Juden gerichtet war, die in der stalinistischen und der poststalinistischen Zeit hohe Stellungen im Partei- und Staatsapparat einnahmen, betraf allen voran assimilierte polnische Juden, die sich ergeben für das Wohl des Landes eingesetzt haben: Freiberufler, Wissenschaftler, Journalisten und – Studenten. Diese Aktion hatte dem Land großen Schaden zugefügt und das Ansehen des Landes im Westen, vor allem in den USA nachhaltig beschädigt. Obwohl diese vertriebenen Juden sich sehr schnell in den neuen Gastländern zurecht fanden und schnell integriert waren, blieben viele dem alten Land doch zugeneigt. Es verband sie doch so viel mit Polen! Ein nicht geringer Teil der „März-Emigranten“ hatten aus dem Ausland, angeschlossen an die Organisationen, die die Opposition in Polen unterstützt hatten, für die Freiheit von der Sowjetsystem gefochten.

Beim Fall des Kommunismus im Jahr 1989 lebten nur noch 5 000 bis 10 000 Juden im Land, von denen viele es vorzogen, ihre jüdische Herkunft zu verbergen.

Aber der Antisemitismus ist nicht ausgestorben. Sogar das Museum ist manchem Antisemit ein Dorn im Auge.

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Das Museum der polnischen Juden – Polin – wurde feierlich im Oktober 2014 eröffnet. Es ist auf dem Gebiet des ehemaligen jüdischen Viertels und des späteren Ghettos platziert. Es ist für wechselnde Ausstellungen und eine ständige Ausstellung über die Geschichte der polnischen Juden vom Mittelalter bis heute konzipiert. Es bildet die größte kulturelle Investition in Warszawa. Ich meine auch, die beste. Aber auch die traurigste. Es füllt die Leere nicht.

Anmerkungen:

1 Polin (hebr. פולין) – Name Polens (gespr. pojln). Museum der Juden in Polen – das Museum befindet sich im Zentrum von Warschau, im Stadtteil Muranów. Es dokumentiert die Jahrhunderte dauernde Geschichte der Juden in Polen.

2 Die einzige jüdische Gemeinde in Deutschland ist in Frankfurt am Main geblieben.

3 „In den deutschsprachigen Staaten wurde die rechtliche Gleichstellung der Juden nicht in einem einmaligen staatlichen Hoheitsakt erreicht, sondern allmählich und in vielen Einzelschritten von 1797 bis 1918.“ – Wikipedia, Jüdische Emanzipation

4 Die Frankisten, aber auch Nichtfrankisten, die sich taufen ließen, hatten bei der Taufe neue Namen bekommen, meistens waren es Namen der Taufpaten, die somit diese Juden adoptiert haben, aber auch Namen, die künstlich gebildet wurden. Die Neophyten verstanden sich oft als dem Adelstand zugehörig.

5 Der polnische Staat entstand nach 120-jähriger Nichtexistenz erst im Jahr 1918, nach dem 1. Weltkrieg, im Zuge des Versailler Friedens.

6 Jan Karski, eigentlich Jan Kozielewski, war ein polnischer Offizier und Kurier der Polnischen Heimatarmee. Der Jurist und Diplomat zählte zu den wichtigsten Zeugen des Holocaust.

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