• Schiller – der ungewöhnliche Geist

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»Er – der philosophische Geist – bringt einen vernünftigen Zweck in den Gang der Welt und ein teleologisches Prinzip in die Weltgeschichte«

Friedrich Schiller, Jena, 1789:
„Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“

Schiller spricht vor der Herzoginmutter, vor dem Herzogspaar Karl August und Luise, außerdem hören Johann Wolfgang Goethe, Christoph Martin Wieland, die Gebrüder Humboldt und andere dem jungen Genie aufmerksam zu.

Die zeitlose Gültigkeit der akademischen Antrittsrede Schillers an der Universität Jena aus dem Jahr 1789 macht es sinnvoll, sich auch heute diese in Erinnerung zu rufen. Damals, vor fast 220 Jahren, wie Schiller in einem Brief an Christian Gottfried Körner schreibt, machte seine Vorlesung Eindruck. Man redete in der Stadt davon und ihm widerfuhr einige Aufmerksamkeit. Diese Rede scheint weitgehend vergessen zu sein, sogar in akademischen Kreisen wird sie wahrscheinlich nicht mehr als Orientierungshilfe für Geschichtsdenken zitiert.

Zwar spricht Schiller zu der akademischen Jugend, die sich weiter mit der Geschichtslehre befassen will. Seine Thesen sind aber gültig und aktuell auch für eine nichtprofessionelle historische Betrachtung der Zivilisationsgeschichte. Der universell Denkende, sagt Schiller, hebt die Begebenheiten heraus, „ …welche auf die heutige Gestalt der Welt und den Zustand der jetzt lebenden Generation einen wesentlichen, unwidersprechlichen und leicht zu verfolgenden Einfluss gehabt haben“. In diesem Zusammenhang ist erkennbar, dass Begebenheiten, die sich mit neueren Zeiten binden, nicht selten in ihrer eigentlichen Zeit isoliert erschienen sind und deren Bedeutung damals nicht erschlossen werden konnte. Als Beispiel nennt Schiller an dieser Stelle den Christus-Impuls, der das Leben der späteren Generationen um vieles mehr zu beeinflussen in der Lage gewesen war und es heute weiterhin ist als in dieser Zeit und an diesem Ort, wo es seinen Anfang nahm. Bezeichnenderweise gibt es fast keine Quellen, die die Christus-Erscheinung für die Wissenschaft befriedigend erklären könnten.

So scheint es, dass der Lauf der Geschichte von den Menschen selten bewusst gestaltet werden kann, vielmehr ist es so, dass die Bedeutung bestimmter Vorgänge und Handlungen erst im nachhinein erkannt wird. Nicht selten in der Weltgeschichte vermuten wir sogar eine Absicht der Handelnden, nicht zum Wohle der Zeitgenossen zu wirken. Paradox jedoch: „…der selbstsüchtige Mensch“so Schiller„[der] niedrige Zwecke verfolgen kann, … unbewusst [die Menschheit] vortrefflich befördert.“

Sobald der „philosophische Geist“ den Versuch macht, das Vergangene mit dem Gegenwärtigen zu verknüpfen, die Ursachen und Wirkungen zu erkennen, wird er eine Erscheinung nach der anderen der „gesetzlosen Freiheit entziehen“ und ein Wissenssystem über den Lauf der Zeit aufbauen. Die Harmonie, die in seiner Vorstellung vorhanden ist, überträgt er auf die Ordnung der Dinge. Somit verleiht er der Weltgeschichte ein teleologisches Prinzip. Dieses intentionale Prinzip ist sowohl in der modernen Soziologie, als auch in der Geschichtswissenschaft als zulässig erklärt worden. Freilich wird heute nur der Mensch als der bewusst Handelnde gesehen, nicht der Geist, wie es Schiller in seiner Rede versteht.

Friedrich Schiller bringt in seine erkenntnistheoretischen Überlegungen den Gedanken hinein, dass die eigentliche Prüfung der Richtigkeit des eigenen Denkens eine Herzensregung ist: „Mit [dem teleologischen Prinzip] durchwandert er [die Weltgeschichte] noch einmal, und hält es prüfend gegen jede Erscheinung, welche dieser große Schauplatz ihm darbietet. Er sieht es durch tausend beistimmende Fakta bestätigt, und durch ebenso viele andere widerlegt; aber solange in der Reihe der Weltveränderungen noch wichtige Bindungsglieder fehlen, solange das Schicksal über so viele Begebenheiten den letzten Aufschluss noch zurückhält, erklärt er die Frage für unentschieden, und diejenige Meinung siegt, welche dem Verstande die höhere Befriedigung und dem Herzen die größte Glückseligkeit anzubieten hat.“ Dieser Gedanke hat mich besonders angesprochen: Im Laufe der Philosophiegeschichte ist die Idee, dass das Kriterium der Wahrheit eine Regung des Herzens ist, später nur noch vom Rudolf Steiner aufgenommen – und heute weitgehend vergessen.

Wenn nach dem teleologischen Prinzip die Entwicklung der Welt ein Ziel hat, dann ist die Erkenntnisarbeit nicht ein Zweck an sich und für sich. So sagt Schiller weiter: „Wichtig wird [dem philosophischen Geist] auch die kleinste Bemühung sein, wenn er sich auf dem Wege sieht oder auch nur einen späten Nachfolger darauf leitet, das Problem der Weltordnung aufzulösen, und dem höchsten Geist in seiner schönsten Wirkung zu begegnen.“

„Der Mensch verwandelt sich und flieht von der Welt“…

Die Geschichte wird somit dem Menschen zum Ansporn, „etwas dazu[zu]steuern (…) Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgetan, zu der wahren Unsterblichkeit meine ich, wo die Tat lebt und weitereilt, wenn auch der Name ihres Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte“. Mit diesen Worten schließt Schiller seine Vorlesung.

Peter-André Alt, Autor der zweibändigen Schiller-Biographie schreibt in einem Artikel: „Entdeckungen [im Schillers Werk] (…) verweisen auf den prognostischen Charakter eines komplexen Geschichtsbildes, das gegen die Vereinfachungsgarantie geltender Ideologien immun bleibt. Wer dem Zeitanalytiker Schiller begegnet, lernt einen scharfsinnigen Denker kennen, dessen Diagnosen jede Lesergeneration auf neue Weise zur Auseinandersetzung herausfordern.“