• Der Deutsche Ritterorden – Ursprünge und Zerfall

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Die drei größten Ritterorden – der Templerorden, etwa 70 Jahre früher als der Deutsche Ritterorden, Ordo Teutonicus, gegründet, und der jüngere Johanniterorden spielen eine außergewöhnlich große Rolle in Europa in der Zeit nach den Kreuzzügen, also im Hochmittelalter. Der Deutsche Orden, eine geistliche Ordensgemeinschaft, geht aus einem im Jahr 1190 im Heiligen Land gegründetem Hospital hervor.

Alle drei, jedoch auf unterschiedliche Weise, bereiten den Weg für die Weiterentwicklung der modernen Staatenorganisation und ihrer wichtigen Institutionen. Das historische Novum der Ritterorden ist die Verbindung des adligen Rittertums mit dem Mönchtum, was wichtige Ursachen in den mittelalterlichen Idealen und, unter andern, im europäischen Erbrecht hat und weitreichende Folgen haben wird, was in der Geschichte des Deutschen Ordens besonders deutlich zum Ausdruck kommt.
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Die Kreuzzüge sind im Mittelalter der Organisationspunkt der sich neu formierenden europäischen Gesellschaft. Für die Verdienste in den Kriegen im Heiligen Land wird dem Rittertum Landbesitz geschenkt und verliehen. Diese Schenkungen und Lehen sind der Anfang großer Vermögen und bedeuten Machtzuwachs des Adels, der aus den Kreuzzügen generell gestärkt hervor geht. Durch die Neuverteilung des Reichtums und durch die Verfestigung einer modernen Staatenorganisation führen in der aufkommenden Zeit neue Impulse zu grundlegenden Veränderungen auf dem Kontinent. Die Kreuzzüge, die zwar stark religiös motiviert sind, verfolgen dessen ungeachtet wirtschaftliche und machtstrategische Ziele. Ganz am Anfang der neuen Entwicklung stehen im Jahr 1059 die Kämpfe gegen Sarazenen in Sizilien, 1063 gegen die Mauren in Spanien und  1066 die Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer. In allen diesen und späteren Kriegszügen kämpfen die Ritter unter den geweihten Fahnen.

Der Templerorden (ca. 1118 – 1312), dessen erster Quartier ein Flügel des Palastes von König Balduin, der heutigen Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg gewesen ist – daher der Name –, hat die Aufgabe darin gefunden, die Straßen des Heiligen Landes für die christlichen Pilger zu sichern. Als Mönche legten sie das klassische, auf Armut, Keuschheit und Gehorsam bezogene Gelübde ab, als Ritter verpflichteten sich zudem, Geleit und Zuflucht der Pilger sicherzustellen. Mit der Armut ist es bald zu Ende, denn in Laufe der Zeit kommen zu den bestehenden, der Aufgabe im Heiligen Land angemessenen Besitzungen, bedeutende Landschenkungen in allen westeuropäischen Ländern hinzu. Die wachsende Macht und der sich abzeichnende Einfluss werden außerordentlich durch die 1139 verfasste wortgewaltige Schrift Bernhards von Clairvaux, „Lob der neuen Ritterschaft“ verfestigt. Darüber hinaus, im gleichen Jahr, wird der Orden dem Papst Innozenz II. direkt unterstellt, was dem Orden dazu verhilft, zum Staat im Staate zu werden und für weltliche Herrscher unantastbar zu sein. Der ursprünglichen Aufgabe gemäß widmeten sich die Templer weiterhin der Organisation und dem Schutz der Pilger, die zum Heiligen Land, aber auch auf dem Jakobsweg nach Compostella Jahr für Jahr aufbrechen. Eine Pilgerreise ist für den Christen, einen Ritter und Abenteurer von Bedeutung und wird trotz aller möglichen Risiken von vielen unternommen. Um ihr Vermögen für die Dauer der Pilgerfahrt nicht ohne Schutz zu lassen, geben die Reisenden dieses den Templern in Obhut. Fortan gehört diese Aufsicht zu genuinen Aufgaben der Templer. Es versteht sich von selbst, dass einiges von dem anvertrauten Vermögen durch den Tod der Pilger und Kreuzzügler verwaisen, und für immer in der Hand der Rittermönche bleiben wird. Dadurch, und zusätzlich durch ein einträgliches Geschäft mit Verleihen des Geldes gegen den Zins, der Orden in Laufe der 200 Jahre unermesslich reich werden wird. Darin jedoch liegt bereits der Keim des Todes, denn gerade dieses Reichtum – der sagenumwobene Schatz der Templer –  nimmt dem gierigen und eifersüchtigen König Philippe le Bel jede Ruhe. Und es kommt, wie es kommen muss: Im Jahr 1309, beginnt Philippe die Macht des Ordens mit Intrigen und falschen Anschuldigungen zu unterminieren und am Ende gelingt es ihm mit Hilfe einer grausamen militärisch-polizeilichen Aktion die Macht der Templer zu brechen. Er erreicht sein Ziel, das unvorstellbare Vermögen des Ordens an sich zu  reißen. Der Templer-Gold bleibt aber bis heute verborgen…

Die Johanniter, das soll nur kurz erwähnt werden, widmen sich dem Schutz, der Beherbergung und Pflege von Pilgern, Kranken und Armen. Obwohl in einer stark abgewandelter, an den neuen Zeitgeist angepassten Form, retten sie Diese Ziele bis in die heutige Zeit.

Der Orden der Deutschen Ritter wird als letzter der drei großen Orden im Heiligen Land 1190 – gestiftet von einem Bruder Heinrichs VI., Herzog Friedrich von Schwaben – gegründet, verlässt aber das Land als erster wieder, um neue Aufgabenfelder zu suchen. Dieser Orden ist nach dem Vorbild vom Tempelorden errichtet. Anfänglich als Hospitalbruderschaft gegründet, entwickelt er sich zu einem Ritterorden. Anders jedoch als die Templer, die überall im westlichen Europa im Umkreis der Kriegswege ihre Besitzungen haben, bekommen bald die Deutschordensbrüder die Möglichkeit, sich einen territorialen Herrschaftsbereich zu sichern – in Preußen. Dort gründen sie einen überaus modernen, perfekt organisierten und perfekt funktionierenden Staat.
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Noch im Heiligen Land zieht es den vierten Großmeister des Ordens, Hermann von Salza, nach Süditalien, wo der Hohenstaufenkaiser, Friedrich II., der modernste Herrscher dieser Zeit, kaiserlichen Hof hält.

Der sizilisch-unteritalienische Staat ist in dieser Zeit der erste moderne Staat des Abendlandes. Seine Wurzel hat er zum gleichen Teil in dem sarazenisch-arabischen- und in dem normannischen Element, die sich in diesem Staat verbinden und gegenseitig verfestigen. Folgendes ist dazu bei dem Politik- und Rechtswissenschaftler, Richard Schmidt, zu lesen: „In Hofgericht, Justitiarien, und Amtsleuten wurde Justiz und Polizei unter gänzlichem Ausschluss der feudalen Grundherren zusammengefasst, die Finanzverwaltung durch Grund- und Kopfsteuer, Monopole, Zölle und Eigenhandel des Kaisers aufs Äußerste angespannt, das Lehnsaufgebot durch eine große sarazenische und deutsche Leibwache in Schach gehalten, Handel, gewerbliches Zunftwesen, Universitätsstudium durch strenge Regulative polizeistaatlich gebunden, der letzte Rest der mittelalterlichen Verfassungsschranken der Krone völlig abgetötet … Es war die energievollste Staatsschöpfung des Mittelalters.“

Diese neue Staatenorganisation bedeutet jedoch den Bruch mit der Idee des weltumspannenden Reiches, der Idee des Universalismus. Jahrzehnte später spricht noch Dante Alighieri in seiner „Monarchie“ von Absichten Gottes, eine Weltmonarchie, ohne Nationen und Grenzen, entstehen zu lassen, Jahrhunderte später ist es Novalis, der die Idee, Europa sei mit Christenheit identisch, in der Zeit der Umbrüche in seiner 1799 gehaltenen Rede „Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment“ zur Debatte stellt. Der Staat Friedrichs des II. bedeutet eine grundlegende Neuerung. Die Weltmonarchie, ein feudales Reich, Lehensstaat, existiert noch, die neue Formation – die Fürstentümer als Beamtenstaaten – entsteht zur gleichen Zeit. Diese beiden Formen der Machtorganisation existieren einige Zeit nebeneinander, wobei der Beamtenstaat nach dem Muster des unteritalienischen Staates der Hohenstaufer erst im Spätmittelalter und in der Renaissance zur Blüte kommt.

Von Salza bleibt lange am Hof von Friedrich II., lange genug, um notwendige Impulse aufzunehmen, die er bald in die Gestaltung eines anderen modernen Staates einfließen lässt. Dies wird zudem dadurch ermöglicht, dass dank Hermanns Unterstützung für die Kreuzfahrt Friedrichs (1228-1229), der Orden sich mittels ihm verliehener Privilegien von bis dahin bestehenden Verpflichtungen befreien kann.

Es bestehen von Anfang an enge Beziehungen zwischen den Deutschrittern und den Hohenstaufen. Ein Geschichtsschreiber nennt den Orden geradezu die „Lieblinge Friedrichs II.“ und Friedrich ist es auch, der dem Hochmeister des Ordens, Hermann von Salza, das recht verleiht, auf seiner Hochmeisterordensfahne und auf seinem Schild den Reichsadler zu führen, den schwarzen Adler des alten deutschen Reiches auf goldenem Grund. Gestiftet ist der Deutschritterorden zu Ehren der Jungfrau Maria, die Brüder tragen ein weißes Ritterkleid mit dem schwarzen Kreuz und führen als Wappen ebenso das schwarze Kreuz auf weißen Schild.

Mittelalter ist entgegen der in späteren Jahrhunderten allgemeinen Betrachtungsweise eine Zeit, in der Kommunikation und Austausch zwischen den Herrscherhäusern rege ist und sowohl die bedeutenden Errungenschaften der Wissenschaft als auch die philosophischen und literarischen Werke so schnell wie eben möglich auch in die entlegensten Winkel der damaligen Welt gelangen, wenn auch mit einer verständlichen Verzögerung. Der Mensch ist zu jeder Zeit ein neugieriges, an allem interessiertes Wesen, und lebt vom Austausch. So ist auch nicht verwunderlich, dass die Ordensritter, selbst meistens  jüngere Söhne der Adelsfamilien, für die es wegen des Erbrechts günstiger war, eine gute Position in einem Orden als in den weltlichen Zusammenhängen, wo der Platz schon die ältesten Söhne dieser Familien eingenommen haben, zu erlangen. Es finden also oft Reisen quer durch Europa statt und die Fäden, die den Orden mit der Literatur, den Minnesänger, und auch der mystischen Strömung verknüpfen, sind fest. „Es sind die selben Familien“, schreibt ein Forscher, „aus denen Dichter und hohe Ordensmitglieder hervorgehen.“

Im Deutschritterorden lebt ursprünglich – ich unterstreiche: ursprünglich – der Kreuzzugsimpuls. Das Ideal der Kreuzritter war: „…das Ritterlich-Kriegerische in den Dienst des Menschen zu stellen, von dem sie angenommen haben, sein Streben ist christlich-spirituell. Wenn man sagt, das Streben der Templer ist vorzugsweise der Kampf gegen die Ungläubigen, die Johanniter widmen sich in erster Linie der Krankenpflege, so gelingt dem Deutschritterorden bis zum gewissen Grad und für bestimmte Zeit beides, oder besser gesagt – eine Synthese von beiden. Also: Kampf und Heilen sollten ihnen obliegen – Dienst an Mars und Merkur“, schreibt Karl Heyer.

Der erste Versuch (1211-1225) einer Staatenbildung, in Siebenbürgen, scheitert. Die Ritterbrüderschaft kann sich nicht gegen die heidnischen Kumanen durchsetzen, die Christianisierung des Volkes gelingt nicht. Eine Schicksalswende für den Orden bedeutet – im Jahr 1226 – der Ruf eines polnischen Herzogs, Konrad von Masowien, der sich eine Hilfestellung von der Ritterschaft erhofft. Hilfestellung im Kampf gegen die im baltischen Raum, also im Grenzgebiet zu Masowien, lebenden Pruzzen und andere heidnische Völker, die die südlichen Gebiete seines Landes unablässig überfallen. Konrad erhofft sich zudem, dem geistlichen Orden gelingt die Christianisierung dieser Völker. Diesmal dauern die Verhandlungen zwischen dem Großmeister und Konrad lange, denn Hermann von Salza will die Geburtsfehler der Staatsgründung in Siebenbürgen nicht wiederholen und verlangt von Konrad feste Verträge und ein bestimmtes Gebiet als notwendige Basis, um die Mission zu erfüllen. Im Jahr 1230 bringt von Salza die Verhandlungen mit Konrad zum glücklichen Abschuss.

Friedrich II. als „Oberlehnsherr aller heidnischen Länder“, aus dem universalchristlichen Impuls des hohenstaufischen Kaisertums handelnd, belehnt den Orden mit „allen in Zukunft zu erobernden Ländern“: In der „Goldenen Bulle“ von Rimini wird also dem Orden das Privileg erteilt, einen eigenen Staat in dem zu erobernden und zu christianisierenden Land zu errichten und dem Hochmeister des Ordens der Status eines Reichsfürsten zuerkannt. Konrad seinerseits überträgt den Deutschen Herren im Vertrag von Kruschwitz – in Form einer Schenkung also zum freien Besitz und nicht als Lehen – das Kulmer Land, das am rechten Ufer der Weichsel zwischen Graudenz und Thorn liegt.
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Für den Orden ist das ein überaus günstiger Abschluss der Verhandlungen, für Konrad markiert dieser die Geburt eines  Konflikts zwischen ihm und dem Orden, denn es lag eigentlich nicht in seiner Absicht, die Hoheit über dieses Gebiet an andere zu übertragen. Jedoch durch seine Niederlagen im Kampf mit den heidnischen Völkern aus der Region um das Baltische Meer und in Angesichts der Tatsache, dass der von ihm gegründete Ritterorden, die Brüder von Dobrin, sein eigenes Land Masowien nicht in der Lage gewesen sind vor den heidnischen Pruzzen zu verteidigen, steht Konrad mit dem Rücken zur Wand und sieht sich gezwungen, die Bedingungen des Hochmeisters und vor allem die vom Kaiser Friedrich II., anzunehmen. Dieser in dem Moment geborene Konflikt wird lange Zeit schwellen, bis er fast 200 Jahre später, unter dem Hochmeister, Ulrich von Jungingen, zum Ausbruch der Kriegshandlungen führen wird und gewaltsam ausgetragen wird.

Hermann von Salza selbst kommt nie nach Preußen. Sein Sitz befindet sich seit dem Abzug aus dem Heiligen Land in Venedig. Die immensen Aufgaben der Eroberung des Landes im nördlichen Osteuropa, der Kämpfe mit den heidnischen Völkern und die Organization des Landes beginnen unter der Führung des Landmeiters Hermann Balk. Die Missionierung der Pruzzen und der anderen Nachbarvölker wird vom Kaiser, vom Papst, nicht zuletzt von den Rittern selbst als eine Fortsetzung des Glaubenskrieges in Palästina aufgefasst, als ein neuer Kreuzzug. Die Christianisierung dieser Gebiete schreitet voran, so dass bald der Papst sich veranlasst fühlt, den zukünftigen Ordensstaat schon im Jahr 1234 in der Bulle von Rieti unter seine Herrschaft zu stellen. Damit wird das Land endgültig dem Zugriff der christlichen Nachbarn entzogen.

Die Kreuzritter erbauen in dem Gebiet eine Kette von Burgen, von denen viele bis heute stehen. Von hier unterwerfen sie zusammen mit der Ritterschaft aus Polen und anderen christlichen, meist westlichen Ländern, mit Gewalt, mit Feuer und Schwert das Land der Pruzzen. 35 Jahre leisten Pruzzen dem Deutsch Ritterorden hartnäckig den Widerstand! Erst dann gelingt es, das Land zu unterwerfen und zu kolonisieren. Also schon 1283 befindet sich das Land der Pruzzen in der Hand des Ordens. In der Folgezeit findet eine intensive Kolonisierung der bis dahin heidnischen Gebiete, die durch die gewaltsame Eroberung zum großen Teil entvölkert werden, statt. In den Osten ziehen Menschen aus Westeuropa. 1237 vereinigt sich der Deutschritterorden mit dem livländischen Orden der Schwertbrüder und wird somit zusätzlich zum Herren von Livland und Kurland. Der Orden ist in dem Staat die führende Schicht, die sowohl im Materiellen als auch im Geistigen vollkommen autark lebt. 150 weitere Jahre kämpft er mit den Litauern einen harten Kampf um das zwischen dem baltischen Schwertbrüder-Besitz und Preußen liegende Land Schamaiten.

Trotz Rauheit und Gewaltsamkeit ihres Vorgehens in Preußen und den anderen Gebieten, trotz der mörderischen Kämpfe  behalten diese Ritter ganz stark das Bewusstsein – was heute schwer zu verstehen ist – im Dienste ihrer Schutzpatronin, Mutter Gottes, zu wirken. Das ist im Geist der Zeit.

Auf den eroberten Gebieten werden nach Kulmer Recht Städte gegründet: Thorn, Kulm, Marienwerder, Elbing, Braunsberg, Heilsberg, Königsberg und andere. Dazu kommen Lokationen von Dörfern, die von deutschen und holländischen Kolonisten besiedelt werden. Die Städte, die der Orden gegründet hat, zählen noch heute zu den besten Errungenschaften der Urbanistik in Europa! Marienburg ist im Mittelalter die größte gotische Wehrburg auf dem Kontinent. Die Städte, die Siedlungen, die Schlösser, die in den Machtgebiet der Komture fallen, werden mit einem Netz gut ausgebauter Wege verbunden, es entstehen reguläre Verbindungen von Elbing nach Lübeck, Riga und anderen Ostseestädten. Die Straßenverbindungen dienen dem Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen und Kommunikation. Post wird regelmässig befördert, die Burgen sind zugleich Poststationen. Im Sinne der Verwaltung, der Organisation des sozialen Lebens und der internationalen Kontakte, stellt der Ordensstaat eine neue Qualität, besonders in dem östlichen Teil Europas dar. Durch die wachsende Bevölkerung und dank der hervorragenden Organisation und leistungsfähiger Bürokratie wächst zugleich die wirtschaftliche Kraft des Staates, so dass der Orden – als einzige Nichtstadt – und sechs seiner Städte Mitglieder der Hanse werden. Die ökonomische Macht des Ordens, die auf dem Transithandel aus dem polnischen Gebiet, dem Export von Holz, Getreide, Bernstein und Wachs beruht, ist die Bedingung sine qua non der weiter steigenden militärischen Stärke des wachsenden Staates.
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Aber erst Jahrzehnte später, im Jahr 1309 – dem Jahr des Templer-Pogroms – verlegt Siegfried von Feuchtwangen, fünfzehnter Hochmeister des Deutschen Ordens, seine Residenz nach Marienburg. Der Orden entwickelt sich zu einer Macht im Nord-Ost Europa. Unter Winrich von Kniprode, einem der besten Hochmeister, erlebt der Orden seine Blütezeit: Ihm gehören um die 3000 Ritter an. Unter Konrad von Jungingen erreicht der Orden seine größte territoriale Ausdehnung. Und es gelingt dem Orden in dieser Zeit seine Beziehungen zu Dänemark in Ordnung zu bringen. Die Befriedung der Ostsee, die Befreiung von der Piraterie, der gute Frieden mit der Margarethe I. von Dänemark verlieren jedoch an Bedeutung angesichts der sich abzeichnenden Eskalation des Konflikts mit dem Königtum Polen und dem Großfürstentum Litauen.

Es ist überaus interessant, das es ein polnischer Herzog ist, der den Orden in sein Land ruft, dass er und die polnische Ritterschaft zuerst, trotz wachsender Konflikte, Arm in Arm für die neue Religion kämpfen, sich dadurch Zunahme an Sicherheit vor den Heiden für ihr Land erhoffend. Die Konflikte nehmen bald überhand, hier begegnen sich nämlich zwei völlig unterschiedliche Elemente, zwei Völker, die zu dieser Zeit verschiedene Stufen der Staatenentwicklung einnehmen. Die Deutschen Herren gehören der westlichen Kultur, schöpfen ihre Sicherheit und ihre Stärke sowohl aus der langen Tradition des westlichen Rittertums als auch aus der Einbettung in die Interessen des Kaisers und des Papstes und erfreuen sich deren bedingungslosen Unterstützung. Das Königtum Polen, geschwächt durch die Teilung des Landes unter die Söhne des Bolesław III., sucht erst sein modus vivendi im Europa. Durch die geografische Lage begegnen sich das polnische und das deutsche Element im Grenzgebiet ohnehin. Jedoch das Eindringen des westlichen, des deutschen, Elements weit in das östliche Land hinein ermöglicht überhaupt die entschiedene Einflussnahme der westlichen Kultur, des Rechts und der westlichen Staatskunst, besonders auf die zwei großen Völker, die Polen und die Litauer. Der Druck, dem sich diese beiden ausgesetzt sehen, veranlasst sie zu Handlungen, für die es ohne diesen keine Veranlassung  gebe. Darüber hinaus entsteht zum ersten Mal in der Geschichte ein starkes Nationalgefühl in den mitteleuropäischen Völkern. Eigentlich kann solches Nationalgefühl nur im Bewusstsein einer Bedrohung entstehen.
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Es ist auch das spätere Ende des Ordens, das das Bewusstsein und die weiteren Geschicke sowohl der Deutschen als auch der Polen und Litauer verändert. Man kann sagen, Konrads Ruf an den Orden birgt in sich von Anfang an eine weltverändernde Kraft.

Im Laufe der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erstarkt der Orden und sein Territorium vergrößert sich durch den von der Kurie gedeckten Expansionsdrang. Dieser führt zur Annexion mehrerer Gebiete in der Nachbarschaft und zu zahlreichen Kriegen mit Litauen.

Indes gelingt es dem litauischen Fürsten Mindaugas, dank seiner militärischen Kraft, die Nachbarstämme unter seiner  Hoheit zu vereinigen. Im Jahr 1253 lässt er sich – durch den Bischof von Riga, vom Papst abgesegnet – zum König krönen. Die Vereinigung der litauischen Stämme und die Staatenbildung führen zu weiterer Vergrößerung seiner militärischen Kraft und erlauben die vordringenden Rittern des Deutschen Ordens erfolgreich, abzuwehren. Was jedoch Mindaugas nicht gelingt, ist die Christianisierung des Volkes: Er ist gezwungen, die Taufe für nichtig zu erklären und zum alten Glauben zurück zu kehren. Das Volk bleibt heidnisch, auch später, nach allen Versuchen der Missionierung von Seiten des Ordens. Mindaugas bleibt der einzige christlich gekrönte Herrscher Litauens. Der spätere litauische Großfürst, Gedyminas, und seine Nachfolger bauen das Großfürstentum zu einer osteuropäischen Großmacht aus. Ungeachtet dessen kann der Konflikt mit dem Deutschen Orden nicht zu einem zufrieden stellenden Ende geführt werden. Erst die Union zwischen Polen und Litauen führt 100 Jahre später zur Überwindung der kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Orden.

In Europa zeichnen sich seit Jahrhunderten zwei Tendenzen, die widersprüchlich sind: Die universalistische und die der selbständigen Staaten, die sich im Rahmen der eigenen Tradition und eigener Staatlichkeit – des eigenen Rechts – organisieren. Im Laufe der Zeit ist der Universalismus immer deutlicher auf dem Rückzug, was durch die innere Krise der Kirche weiter verstärkt wird. Nicht nur Kirche, ganz Europa wird durch Krisen und Kriege erschüttert. Der hundertjährige Krieg tobt zwischen Frankreich und England, Schweizer Bauern und Bürger in Flandern führen systemverändernde Kämpfe; diese markieren den Anfang der bürgerlichen Selbstverwaltung. Der sich abzeichnende Fortschritt wird jäh durch den schwarzen Tod aufgehalten. Dieser dezimiert das westliche Europa. Auch wenn die Pandemie sich nicht nur auf das westliche Europa beschränkt, erspart sie unerklärlicher Weise einige ostmitteleuropäische Länder. Es kommt im 13. und 14. Jahrhundert in diesen Ländern zu einem starken Entwicklungsschub. Die Herrscher dieser Zeit – in Ungarn, Böhmen, Serbien in Litauen und nicht zuletzt – Winrich von Kniprode, der Hochmeister des Ordens werden in die Geschichte als bedeutende Herrscher eingehen. In Polen wird die Macht konsolidiert, was unabdingbar ist für weitere Entwicklung zum modernen Staat.

Auch das westeuropäische Rittertum befindet sich seit Jahrzehnten in einer Krise, wirtschaftliche Schwierigkeiten ziehen eine verhängnisvolle Aushöhlung des ritterlichen Ethos nach sich und damit den rapiden Verlust an Bedeutung des Standes. Mit einen Wort, das Rittertum hat seine Blütezeit schon längst hinter sich, es geht seinem eigenen Zerfall entgegen. Doch im Osten glaubt man noch Aufgaben zu finden: Der Ordo Teutonicus Verspricht noch Kämpfe, Gewinn und ritterlichen Ruhm. Nicht zu vergessen, die Verwirklichung der verpflichtenden, von Bernhard von Clairvaux bestimmten ritterlichen Tugenden. Die Strahlkraft des Ordens ergibt sich aus seiner militärischen und politischen Macht in der Region und aus seinem zunehmenden Reichtum. In Marienburg werden vielfach die Fäden der europäischen politischen Szene gehalten. Dies ist ein Ort, wo sich Gesandte bedeutender und weniger bedeutender, kirchlicher und weltlicher europäischer Machthaber treffen, von hier werden die Reisen in heidnische, und in schon längst christianisierte, Gebiete organisiert, hier wird taktiert und paktiert, hier werden Abmachungen getroffen – alles den Nachbarn nicht wohlgesinnt. Hier verhandelt man über gegenseitige Unterstützung jeglicher Art und Geldleihgaben. Hier werden Abhängigkeiten geschaffen.
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Richtung Marienburg ziehen Ritter aus dem ganzen Europa: aus den deutschen Ländern, Niederlanden, Frankreich, England, Schottland, Irland, Kastilien, Aragonien, Portugal, aus Italien, Böhmen, Ungarn und aus Polen. Von hier brechen sie in Richtung Litauen, um ihre ritterlichen Pflichten zu tun: Um ihre Mission, die Heiden zu bekehren, zu erfüllen. Dabei aber auch die Besiegten zu berauben und ihre Häuser zu plündern… Diese vom Orden organisierten Preußenreisen in die heidnischen Gebiete werden lange als Kreuzzüge und gerechte Kriege gegen die Heiden, aber auch als ritterliche Abenteuer angesehen. Mit der Zeit verlieren diese Reisen den ursprünglichen Charakter, beschränken sich zunehmend auf Raub und Mord und somit untergraben sie zunehmend den Ruf des Ordens. Die eigene Bevölkerung wird kontinuierlich rücksichtslos unterdrückt, mit ihr führt der Orden einen regelrechten fiskalischen Krieg, der damit endet, dass die preußische Bürgerschaft Zuflucht sucht bei dem polnischen König. Repressalien seitens des Ordens sind die Antwort.

Die Brutalität des Vorgehens, die Grausamkeit, allen voran aber der alles übertreffende Hochmut der Ordensbrüder geben immer mehr Anlass zur Kritik von Seiten bedeutender Persönlichkeiten – um nur Jan Hus und die heilige Brigitta von Schweden zu erwähnen – die scharf sehen, wie weit sich die Realität vom ritterlichen Ideal entfernt hat. Ihr Entsetzen und Erschrecken bringen sie in Briefen zum Ausdruck, die sie an die europäischen Höfe und an den Papst senden. Briefe, die wir heute noch lesen können.

Der 15. August 1385 markiert eine Zäsur in der Geschichte des Europas im Allgemeinen und in der Geschichte des Ordens, des Fürstentums Litauen und des Königtums Polen im Besonderen. An diesem Tag wird die Union zwischen Polen und Litauen geschlossen, eine Union, die endgültig, durch die Taufe des litauischen Fürsten Jogaiła, später genannt Jagiełło, und seine Vermählung mit der polnischen Königin Jadwiga von Anjou, das Kräfteverhältnis in Mittelosteuropa verändert. Mit der Personalunion entsteht der größte Staat in Europa, mit dem die westeuropäischen Könige zunehmend rechnen müssen. Vitold, ein Cousin Jogaiłas wird der Großfürst von Litauen. Der Grundstein für diese Staatenunion ist in der Regierungszeit des Kasimir des Großen von Polen im 14. Jahrhundert gelegt worden: Nach der Inkorporation von Ruß‘ hat man ein Model, in dem gemeinsame Rechte und Privilegien aber unterschiedliche Sprachen, Religionen und Kultur eingeschlossen sind, ausgearbeitet. Noch heute ist dieses Erbe – in der Europäischen Union – lebendig.

Der litauische Adel und die Bojaren bekommen zahlreiche, an die Taufe gebundene, Privilegien und Landschenkungen, die ihre Position im Staat ungemein stärken und dem polnischen Adel gleichstellen. Die Christianisierung verläuft zielbewusst und energisch. Es soll hier erwähnt werden, dass Jagiełło zwar entschieden und mit großem Eifer die neue Religion in Litauen zur Staatsreligion macht, jedoch schützt er genau so die anderen Konfessionen wie das orthodoxe Christentum, das orientalisch-orthodoxe Christentum der Armenier, die muslimischen Tataren und die Juden, deren Privilegien er sowohl in Polen als auch in Litauen bestätigt. Im 14. Jahrhundert ist Jagiełło damit eine Ausnahme und eine Ausnahme in dieser Hinsicht bleibt in Europa dieser riesige Staat noch für weitere Jahrhunderte. Seine Monarchie ist wahrlich multiethnisch, multikulturell und multikonfessionell und damit stellt sie eine Brücke zwischen der östlichen und der westlichen Zivilisation dar. Die Frage bleibt jedoch, ob der so uneinheitliche Staat sich mit dem hervorragend organisierten Ordensstaat messen kann.
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Die Tatsache, dass Litauen jetzt endgültig christianisiert ist, entzieht dem Deutschen Orden raison d’être, die Daseinsberechtigung für sein weiters Verbleiben im Baltikum, das mit der territorialen Ausdehnung gleichgesetzt wird. Anfänglich gelingt es dem Orden, die Welt von weiterer Notwendigkeit der „wahren“ Christianisierung zu überzeugen: Die Reisen in die litauischen Gebiete gehen weiter, das westeuropäische Rittertum nimmt an ihnen zahlreich teil. Die polnische Diplomatie versucht den Westen zu überzeugen, dass die Wirklichkeit eine andere ist, anfänglich ohne Erfolg. Erst im Jahr 1403 verbietet der Papst Bonifaz IX. dem Orden, Reisen in Richtung Litauen zu unternehmen. Es ist jetzt klar, dass Litauen zur römischen Kirche gehört und dass der Prozess der Christianisierung friedlich verlaufen ist. Das stärkt auf der einen Seite die Position Polens und die von Jagiello in Europa und auf der anderen Seite verbessert es die Lage der Kurie.

Der Krisenherd liegt in dieser Zeit in Schamaiten (Żemaiteje), einem Gebiet, das zum Fürstentum Litauen gehört. Dieses Land liegt zwischen Preußen und Livland. Nach ihm giert der Orden, um den preußischen Staat mit dem livländischen Zweig des Ordens zu verbinden und damit den Staat erheblich zu vergrößern. Im Laufe der Ereignisse gelangt Schamaiten unter die Herrschaft des Ordens, womit vor allem die Bevölkerung nicht einverstanden ist; es kommt zu mehreren Aufstanden, die Union gewährt den Schamaiten stille Unterstützung. Und dies ist die unmittelbare Ursache der Kriegserklärung seitens des Deutschen Ordens.

Auch Jagiełło sieht die Notwendigkeit ein, nach einer militärischen Lösung der Probleme zu suchen. Nicht überzeugt davon sind die anderen polnischen Herren und schon gar nicht die Geistlichkeit. Eine gewisse Ehrfurcht vor dem Orden als einer explizite von der Kirche unterstützter Institution, die sich darüber hinaus als im Auftrag Gottes handelnde versteht, ist nicht leicht zu überwinden. Der Orden drängt seinerseits gleichermaßen wie Jagiełło auf eine definitive Auflösung der schwellenden Konflikte. Jagiełło versteht die kommende Auseinandersetzung als ein „Gericht Gottes“, im Mittelalter eine gängige Haltung.

Außenpolitik des Königstum Polen gehört in dieser Epoche zum königlichen Prärogativ, ausgeführt wird sie in Kraków von cancelaria Regni Poloniae. Hier werden Dokumente und Instruktionen vorbereitet, Vollmachten und Beglaubigungsschreiben ausgestellt, diplomatische Reisen vorbereitet: nach Rom, nach Wien, in die Türkei, nach Marienburg, nach Böhmen und Ungarn. In den Jahren vor dem Krieg ist sowohl die königliche- als auch die Ordensdiplomatie rege. Verständlich, denn beide Seiten geben sich Mühe, eigene Sicht der Lage, eigene Klagen und Bitten, eigene Propaganda den europäischen Herrschern zu präsentieren. Die Chronisten der Zeit – was für Glück! – verfolgen die Routen und beschreiben diese Besuche auf den Höfen in den meisten Fällen sehr genau, die Briefe und andere Sendschreiben sind zum großen Teil bis heute erhalten geblieben: Es ist ungemein interessant, in das Leben von vor 600 Jahren einzutauchen. Die polnische diplomatische Tätigkeit im Westen bringt zwar keine spektakulären Ergebnisse mit sich, es gelingt ihr aber, auf die Lage im nördlichen Mittelosteuropa aufmerksam zu machen und das bis jetzt sehr vorteilhafte Bild des Ordens nachhaltig zu verändern. Die Diplomatie des Deutschen Ordens nutzt einen Vorteil aus, der sich aus den vielen familiären Verflechtungen der Ordensritter und aus vielen wirtschaftlichen Kontakten mit dem Westen ergibt: Die Gesandten des Ordens stoßen auf zugeneigte Ohren.

Im Jahr 1409 erklärt der Hochmeister Ulrich von Jungingen, dem König Jagiełło den Krieg. Er beginnt zugleich mit weiteren territorialen Eroberungen, Polen und Litauer beschränken sich zu dieser Zeit nur auf die Verteidigung. Jagiełło will den Krieg jedoch nach Preußen tragen. Indessen vermitteln die Gesandten des böhmischen Königs Wenzel IV. zwischen beiden Seiten und führen im Oktober 1409 einen Waffenstillstand, der bis zum 24. Juni 1410 anhalten soll, herbei. Beide Machthaber brauchten Zeit, um ihre Heere vorzubereiten und endgültig Verbündete zu gewinnen.

Anfang des Jahres 1410 beginnen auf beiden Seiten intensive Vorbereitungen zum Krieg. Schon im Dezember 1409 treffen sich in Brest am Bug König Wladyslaw Jagiełło mit dem Großfürsten Vitold. Es herrscht höchste Geheimhaltung, eingeweiht ist nur der Kanzler, Mikolaj Trąba. Später stößt dazu der zukünftige Chan der Goldenen Horde. Tatarische Kämpfer  werden sich an den bevorstehenden Kämpfen beteiligen. Über den Verlauf der Verhandlungen haben wir heute kein genaues Wissen, einzig und allein aus dem späteren Verlauf der Ereignisse können wir eine Strategie erkennen, wobei die Unterscheidung zwischen Planung und Improvisation nicht immer gelingt.

Hier in Brest beschliesst man, den Krieg im Ordensstaat zu führen, Richtung Marienburg zu gehen, jedoch nicht zuerst die Burg zu belagern, sondern eine Schlacht auf dem offenen Feld anzustreben. Die Armee des Ordens ist in dieser Rechnung eine Unbekannte. Es wird eine Strategie, die dazu führen soll, dass diese Rechnung bald aufgeht, ausgeklügelt. Und das alles unter höchster Geheimhaltung, trotz der sehr gut ausgebauter und gut organisierter Spionage des Ordens. Des Weiteren wird in Brest der genaue Kalender ausgearbeitet: Wann lässt man das allgemeine Aufgebot ergehen, welche logistischen Vorbereitungen müssen getroffen werden, wie wird die Versorgung gesichert, wann und wo sollen die polnische und die litauische Armeen konzentriert werden und wo sollen sie sich treffen. Und die schwierigste Frage: Wie wird das polnische Heer die Weichsel überschreiten? Die Geheimhaltung über die Pläne gelingt über die ganzen Monate bis zum tatsächlichen Kriegsausbruch! Dies führt zu einer Desorientierung der Befehlshaber der Ordensarmee.
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Die Konzentration der polnischen Ritterschaft verläuft nach Plan: Ende Juni 1410 bei Czerwińsk, am linken Ufer der Weichsel, erscheinen alle berittenen Kämpfer der polnischen Krone. In den drei Tagen vom 30. Juni bis zum 2. Juli setzt die ganze Armee über die an dieser Stelle etwa 500 m breite Weichsel über. Wir haben das Jahr 1410. Wie wird die Übersetzung einer ganzen Trosskolonne bewerkstelligt? Noch in Brest beschließen Jagiełło und Vitold, eine Pontonbrücke bauen zu lassen. Diese Brücke wird unter strengster Geheimhaltung bei Kozienice im Radomer Urwald gebaut, von dem Radomer Starost Władysław Dobrogost Czarny z Odrzywołu beaufsichtigt, rechtzeitig mit der Weichsel in Teilen Richtung Czerwińsk geflößt und an Ort und Stelle zusammen gebaut: 500 Meter in acht Stunden! Eine Brücke, die auf 168 Booten liegt. Die Kunde über diese Pionierleistung verbreitet sich in alle Richtungen und macht einen großen Eindruck auf die Zeitgenossen. Der Hochmeister aber will gar nicht glauben, dass der Feind so eine erstaunliche Lösung gefunden hat und tröstet sich höhnisch, die Polen haben nicht mal eine Furt finden könnten.

Auf dem anderen Ufer der Weichsel verbindet sich das polnische Heer mit den litauischen und masowischen. Die Armeen nehmen die Richtung preußische Grenze. Am 9. Juli überschreiten sie, etwa 30 000 Kämpfer, die Grenze zum Ordensstaat. Zu diesem Zeitpunkt ist der Hochmeister bereits über die Marschrichtung der vereinten Heere gut informiert. Ulrich von Jungingen weiß außerdem über die zahlenmäßige Überlegenheit der feindlichen Armeen. Er kennt eine interessante strategische Variante, die es erlaubt, gegen viel stärkere Armee zu siegen: Sie wird im hundertjährigen Krieg angewendet, auch Türken, die Balkan erobern, wenden sie an. Jagiełło durchschaut die Pläne vom Hochmeister und lässt sich nicht in die Falle locken.

Die vereinten Heere die sich jetzt auf dem Marsch durch die preußischen Dörfer und Städte befinden, plündern und morden und dies alles mit dem Einverständnis des Königs. Auch dies ist ein Teil der Strategie von Jagiełło und Vitold: Den Hochmeister zu einer Reaktion zu zwingen. In der Tat, Ulrich von Jungingen, um das „Verwüsten und Schlachten“ zu unterbinden, setzt seine Armee in den Marsch in die Richtung, aus der die vereinten polnischen und litauischen Heere erwartet werden. Am 15. Juli 1410 um 8.00 Uhr erreicht die Ordensarmee die kleine Ortschaft Tannenberg (Stębark) und postiert sich frontal in die Richtung, aus der die polnisch-litauische Armee vermutet wird. Eine Stunde später wird Jungingen mit einer durch Vorhut überbrachten Nachricht überrascht: Die Feinde liefern sich mit einigen Abteilungen der Ordensarmee Scharmützel, dies spielt sich aber in einer anderen Richtung ab, als die, aus welcher sie erwartet werden. Von Jungingen befiehlt, die Front in die südöstliche Richtung zu drehen. Und dort, in den Wäldchen und Hainen, in einer hügeligen Landschaft ist die polnisch-litauische Armee erst damit beschäftigt, ein Lager zu organisieren. Ihre Befehlshaber werden nicht minder überrascht durch das plötzliche Erscheinen des feindlichen Heeres. Dieses Zeitfenster bietet übrigens die einzige geeignete Gelegenheit, die vereinten Armeen erfolgreich zu attackieren. Von Jungingen zögert. Er riskiert keinen Kampf in einem hügeligen, bewaldeten und, zu allem Übel, morastigen Terrain.

Jagiełło zielt auf Verzögerung: Er hört zwei Messen, schlägt zahlreiche junge Männer zum Ritter, hält vor seinem Kanzler, der zugleich ein Geistlicher ist, die Beichte, dann hört er eine weitere Messe. In dieser Zeit wacht Vitold über das Aufstellen der Kämpfer und der Formationen. Erst in der Mittagszeit ist es so weit, die Kämpfe beginnen. Die Schlacht dauert bis zum Sonnenuntergang, ihr Verlauf ist höchst dramatisch. Großfürst Vitold nimmt persönlich an den Kämpfen teil, so auch der Hochmeister Ulrich von Jungingen. König Jagiełło befiehlt die polnische Armee und beobachtet das Geschehen von einem Hügel hinter der Kampflinie.

Die Schlacht beginnt mit der mehrfach durch Chronisten beschriebener Szene: Zwei Herolde der Verbündeter des Ordens, des Stettiner Fürsten Kasimir und des ungarischen Königs Sigismund von Luxemburg überreichen dem König zwei nackte Schwerte. Jan Długosz beschreibt die Szene wie folgt: „Erlauchter König! Der preußische Hochmeister Ulrich sendet dir und deinem Bruder (…) die zwei Schwerte, so dass du mit deinem Heer kämpfst und dich nicht weiter in Wäldern und Hainen versteckst, ihn nicht arglistig täuschst und den Kampf nicht unnötig aufschiebst (…)“. Dies wird als Ausdruck des Hochmuts empfunden, was es jedoch nicht zwingend ist, denn das Übereichen der Schwerte vor der Schlacht war im Mittelalter ein oft praktiziertes  Ritual. Ulrich von Jungingen kennt die wahre Ursache der Verzögerung nicht, ist überzeugt, sie ist der Ausdruck einer List. Sehr weit entfernt von der Wahrheit kann er nicht sein, denn Jagiełło, zwar auf die Formierung seiner Heere wartend, die Gunst der Situation für sich nutzt. Denn er weiß um den langen, ermüdenden Marsch der Ordensritter, um deren jetzige Lage – in  der sengenden Sonne, auf einem nackten Hügel stehend. Um die Mittagszeit ertönen Trompeten, die polnischen Ritter singen „Bogurodzica“ (Gottesgebärerin, Theotokos), ein uraltes Lied, das die polnischen Kämpfer bei jedem Kriegszug, bei jeder Schlacht, seit Jahrhunderten, begleitet.
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Die Schlacht beginnt, sie verläuft ähnlich wie andere Schlachten im Mittelalter, es fehlt aber nicht an höchst dramatischen Momenten. Auf der polnischen Seite ereignet sich etwas, was sich auf den weiteren Verlauf entscheidend auswirken könnte. Während einer Attacke gleitet dem Ritter Marcin z Wrocimowic das Gonfanon aus der Hand! Das ist immer ein Zeichen zum Rückzug! Die Kreuzritter, siegessicher singen ihre Hymne „Christ ist erstanden“. Der Trumpf dauert dennoch nicht lange: Die besten Ritter, die unter dem Reichspanier dienen, heben auf der Stelle das Gonfanon.

Als nach drei Stunden die Kräfte der zahlenmässig unterlegenen Ordensarmee langsam ausgeschöpft werden, beschließt von Jungingen, den entscheidenden Angriff durchzuführen. Er selbst und seine besten Ritter wollen den rechten Flügel angreifen, nehmen die Richtung und galoppieren auf ein Hügel zu, nicht wissend, dass gerade dort Jagiełło mit seiner Leibgarde steht. Jungingen interessiert sich für die kleine Gruppe nicht, er kann sie auch nicht erkennen, denn die Polen, die Gefahr sehend, ziehen die Standarte ein uns lassen andere Erkennungszeichen verschwinden. Nur ein einsamer Ritter, Diepold von Köckritz, schert aus der bewaffneten Rotte aus und mit gesenkter Lanze saust, wohl nicht wissend, wen er attackiert, geradeaus auf den König zu. Dieser wehrt sich und mit eigener Lanze verwundet den Angreifer. Erst der junge Zbigniew Oleśnicki, der spätere Bischof und Kardinal wirft den Angreifer vom Pferd und gibt ihm den Todesstoß. Indes erreicht der Stoßtrupp Jungingens die jetzt neuformierten polnischen und litauischen Reihen. Es ist nicht als klug und verantwortlich anzusehen, und keine gängige Praxis in Europa, dass ein Befehlshaber, hier der Hochmeister, solche Attacke anführt. Die Lage der Kreuzritter wird kritisch. Die Schlacht wird zum Schlachten. Ulrich von Jungingen und andere vortreffliche Ritter fallen in dem Gemetzel, es gibt hier keine Gefangene; zur wichtigsten Beute werden die Banner.

Die Sieger jagen und nehmen die, die sich aus dem Schlachtfeld retten wollen gefangen, oder schlagen sie tot. Sie plündern den Tross der Ordensarmee. Bemerkenswert ist, dass sie da Mengen an vorbereiteten Stricken und Fesseln finden. Und Weinfässer. Diese werden auf Befehl von Jagiełło sofort vernichtet, denn der ganze Ausmass der Niederlage des Ordens ist dem König in dem Moment noch nicht bekannt und er fürchtet, die Disziplin in eigenen Reihen könnte leiden.

Beachtenswert ist, dass die Chronisten die Namen der gefallen Kreuzritter erwähnen, über die siegreichen polnischen Ritter und ihre Verluste aber schweigen. Es wird dennoch verständlich: Die meisten westlichen Chronisten kennen sie, außer den berühmtesten, nicht. Andererseits wagten es die polnischen Ritter selten, einem Ordensritter den Todesstoß zu geben. Sie lassen lieber die Litauer diese Arbeit machen. Hier muss man etwas besonders erwähnen: Den mitten in der Schlacht kämpfenden Hochmeister des Ordens, der auf seinem Harnisch das Kreuz mit einem Reliquiar trägt, kann kein in der christlich-kirchlicher Tradition der Verehrung der Reliquien erzogene Kämpfer angreifen. Auch das tut ein litauischer Krieger.

Man muss sich nur in die Zeit versetzen. Der Orden erfreut sich im Europa einer hohen Anerkennung, hat viele Freunde auf den königlichen und fürstlichen Höfen und in Rom. Und was für die Polen besonders wiegt – es ist ein geistlicher Orden, die Ritter kämpfen im Namen der Gottesmutter und ihres Sohnes! Darüber können sie sich als Gegner nicht hinweg setzen, trotz der feindschaftlichen Relationen. Der Respekt vor dem Orden ist unter den polnischen Rittern sehr groß, er ist anfänglich nicht zu überwinden und die Ritterschaft nicht so einfach dazu zu gewinnen, überhaupt einen Krieg gegen den Orden zu führen. Sie befürworten anfänglich die strategischen Pläne von Jagiełło und Vitold nicht. Für sie ist die Union zwischen der polnischen Krone und Litauen mehr ein Gewinn an östlichen Gebieten, um die die polnischen Könige seit Generationen gekämpft haben, als ein Pakt gegen den Ordensstaat, was auf jeden Fall dem Verständnis von Jagiełło und Vitold entspricht. Erst die Entwicklung unter Ulrich von Jungingen, der unaufhörlich Eroberungszüge organisiert und immer mehr längst christianisierte Gebiete unterjocht, führt dazu, dass die polnischen Herren ihre Einstellung ändern. Zwar organisieren sie den Krieg und kämpfen bei Tannenberg, aber das Schlachten überlassen sie bevorzugt den Litauern, die als frisch christianisiert, den lähmenden Respekt für die Ordensritter nicht empfinden.
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Am Abend treten die Kämpfer vor den König; sie übereichen ihm Gefangene und die eroberten Standarten – die Kreuzritter haben alle 51 verloren. Diese Fahnen – und auch die zwei Schwerter – werden auf der Wawelburg aufbewahrt. Am nächsten morgen wird vor dem königlichen Zelt ein Dankgottesdienst gefeiert. Wie schon oben erwähnt, es ist Jagiełłos Idee, ja Ideologie, den Kampf, genau gesagt diese Schlacht unter Gottes Gericht zu stellen. Das ist keine Floskel und im Mittelalter überhaupt nichts Ungewöhnliches; es werden alle Kämpfe, auch viele ritterliche Zweierkämpfe unter das Gottesurteil gestellt, was die Annahme bedeutet, Gott wird dem Unschuldigen helfen. Hier aber ist diese Ideologie zugleich eine Rechtfertigung dafür, dass man den Kampf gegen den Orden überhaupt führt. Und es geht dem König in diesem Krieg nicht darum, den Orden zu vernichten. Es geht ihm darum, den Hochmut des Ordensstaates und seiner Herrscher zu brechen und ihre zermürbenden Eroberungsreisen in die Gebiete von Polen und Litauen als beendet zu sehen. Die Schlacht entscheidet und beendet im Grunde den Krieg. In diesem Licht wird es auch verständlich, warum Jagiełło nach der Schlacht zwar noch in Preußen bleibt, aber unentschlossen und ohne Eile in Richtung Marienburg marschiert, und die Burg ohne die nötige Entschiedenheit belagert. Eine Belagerung sei auch ohne größere Aussicht auf Erfolg, denn der Komtur Heinrich von Plauen, der bald zum Statthalter des Hochmeisters gewählt wird, erreicht Marienburg, mit etwa 2500 Kämpfern, noch vor dem polnischen Heer.

Der Krieg vernichtet den Ordensstaat nicht, dieser ist jedoch so sehr geschwächt, dass er nie mehr seine ursprüngliche Machtstellung erreicht, seine unbesiegbare Armee erleidet den Schmach der Niederlage. Die Position der Union von Königtum Polen und Litauen in Europa verbessert sich dagegen bedeutend. Nach der Schlacht gelingt es der polnischen Diplomatie zudem, dem Westen eine andere Sicht, gestützt auf Fakten, auf die osteuropäischen Verhältnisse zu präsentieren. Auf dem Konzil in Konstanz wird die antipolnische Allianz definitiv außer Gefecht gesetzt.

Der Krieg der Jahre 1409-1411 endet mit dem Frieden von Thorn. In Europa beginnt eine neue Zeit. Das Rittertum verliert gänzlich an Bedeutung, es gibt keine Treffen, keine kriegerischen Reisen, der Ethos dieser Gesellschaftsgruppe verblasst.

Der Krieg schwächt den Ordensstaat. Es ist aber nicht nur dieser Krieg, der über Bedeutungslosigkeit des Ordens entscheidet. Wie jede Entwicklung, auch dieser Verlust hat mehrere Ursachen. Sie liegen zum Teil in dem besonderen Charakter dieses Staates: Der Ordensstaat in Preußen ist ein Kolonialstaat. Er ist nicht organisch gewachsen, sondern ist eine westeuropäische Kolonialgründung an der Weichsel. Einerseits die Eroberungszüge und andererseits die hervorragende Organisation der Wirtschaft, der Finanzen, der Armee, mit anderem Wort des ganzen Staates führen zum Reichtum, zum Zuwachs an Bedeutung, was noch durch die Unterstützung seitens des Papstes und des Kaisers verstärkt wird. Aber „das Preußenland war niemals anders als auf dem Pergament der staufischen Urkunde Glied des Deutschen Reiches, war und blieb die Kolonie einer fremden Macht, der Deutschen Herren, die als herrschende Kaste in strenger nationaler Absperrung über ihm saßen und ihre eiserne Phalanx eher dem Bürger von Lübeck öffneten als dem uralt eingesessenem preussischen Landadel und der eingewanderten aus dem Westen Deutschen und Holländer. Eine Dynastie von Landfremden, Heimatlosen, Ehelosen, die sich in Jahrhunderten nie mit dem von ihr beherrschten Lande vermischte, die sich aus dem deutschen Adel frisches Blut holte, sie musste naturnotwendig vereinsamen und das desto schneller und desto sicherer, je mehr im Lande Wohlstand, Handel, Wandel, Bürgersinn, Patrizierhochmut und Adelsstolz in Halme schossen. Die Ordensbrüder hatten so gut wie keinen nachbarlichen Kontakt zu der Bevölkerung gefunden, er war auch unerwünscht. Sie haben die Sprache der Bevölkerung nicht beherrscht. Die Übernachtung bei Bürgern oder Bauern war streng verboten, mit einem Wort, sie konnten und wollten in diesem Land nie heimisch werden, sondern immer als Fremdkörper empfunden. Es gab einen großen Hass auf die Deutschen Herren in der Bevölkerung“, schreibt Hans von Hülsen.

Zwei andere Ursachen sind in dem allgemeinen Fortschritt zu suchen. Der Zerfall des Rittertums im Spätmittelalter wird sowohl durch die rasche Weiterentwicklung der Waffentechnik, als auch durch die Etablierung der Fußtruppen eingeleitet. Der innere Zerfall ist jedoch nicht minder bedeutend. Der Ritter unterscheidet sich vom berittenen Krieger damit, dass er ein besonderes Gesellschaftsideal verkörpert. Dazu gehört nicht nur die Unerschrockenheit, Tapferkeit und Mut aber auch eine intensive Beschäftigung mit Literatur und Gesang – worauf schon Wolfram von Eschenbach aufmerksam macht. Aus dieser Beschäftigung resultiert das Phänomen der Minne. Im Früh- und im Hochmittelalter ist die Konnotation des Begriffes nicht auf Liebe zum anderen Geschlecht begrenzt, sonder umfasst das „freundliche Gedenken“ dem Schöpfer und der Schöpfung gegenüber. Minne ist karitativ, erotisch, auf Freundschaft ausgerichtet, was den altbekannten Arten der Liebe, Agape, Philia und Eros entspricht. Ein Ritter kämpft für seine Ideale, er ist bereit für diese im Kampf sein Leben zu opfern. Jahrhundertelang sind es hohe Ideale. In Laufe der Zeit wird aus Unerschrockenheit und Tapferkeit eine fruchtlose Verachtung des Lebens, das man für Nichtigkeiten opfert, aus Minne – Flatterhaftigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen, der Kampfwille lebt nicht mehr von Idealen, sondern beschränkt sich auf Beutemachen.

In einem geistlichen Orden, auch in einem Ritterorden ist das „freundliche Gedenken“ auf Liebe zum Gott, Agape und Philia beschränkt. Die Organisation des Lebens in einem solchen Orden ist ein Abbild einer Theokratie, und dies macht die Kraft eines Ritterordens aus. In der Zeit des Bedeutungsverlustes der kirchlicher Macht ist eine solche Theokratie nicht mehr zeitgemäss, mehr: Sie erstarrt zur Maske. Um so mehr, als die wachsende Selbstverwaltung der Bürger die caritative Arbeit eines Ordens übernimmt. Die weltlichen, politischen und kriegerischen Zwecke überwiegen also. Zu allem Übel mit der Zeit missachten die Ordensbrüder ihre eigenen Gesetze, womit sie in Augen der Bevölkerung das göttliche Recht, das Land zu verwalten, verspielen. Ein selbstgerechtes, aristokratisch-theokratisches Regime ist anachronistisch und damit überflüssig. Das sind die Gründe, warum der Deutsche Ritterorden nach der Schlacht bei Tannenberg seine frühere Kraft nicht mehr zurückerlangen kann und zunehmend seine Berechtigung und damit den Halt in der Bevölkerung verliert.

So wie die Kreuzzüge in das Heilige Land ein Organisationspunkt des feudalen Lebens im 11.-13. Jahrhundert in Westeuropa sind, so ist die Schlacht bei Tannenberg eine Zäsur in der Neuorganisation der polnisch-litauischen Union und ein fundamentaler Teil des sich verändernden Selbstbewusstseins. Die erste Welle der Kolonisierung der unermesslichen Gebiete im Osten des Staates erfolgt kurz nach dem Krieg. Die Ritter, die sich ausgezeichnet haben in diesem Krieg, besonders in der Schlacht bei Tannenberg, werden mit großen Schenkungen versehen, die Kämpfer, die besondere Verdienste haben und nicht dem Adelsstand gehören werden außer der Landschenkungen in diesen Stand gehoben. Die Wirtschaft des Staates organisiert sich in Laufe des Jahrhunderts um die wieder erlangten Transportwege über Ostsee, die es dem riesigen Land erlauben die überreichen Erzeugnisse der Land- und Forstwirtschaft zu exportieren. Die Schiffe der Entdecker neuer Kontinente werden aus dem Holz und Teer der litauischen und masowischen Urwälder gebaut, die Kerzen für die Beleuchtung der Schlösser und Kirchen im westlichen Europa werden aus dem besten in Europa litauischen Wachs hergestellt, die Pelze aus den überreichen östlichen Wälder erfreuen sich wachsender Nachfrage… Bald beginnt für das Land im Osteuropa – Rzeczpospolita Obojga Narodów – das Goldene Zeitalter.

Der Ordensstaat lebt aber noch weitere 115 Jahre, die durch Kriege, Verhandlungen und abgeschlossene Friedensverträge, Modernisierung der preußischen Städte, durch Emanzipation der Bürger und eine weitere Verweltlichung der Ordensbrüder, die letzten Hochmeister eingeschlossen, mit einem Wort, durch Verfall der Bedeutung des Ordens charakterisiert wird. Der letzte Hochmeister, Albrecht Hohenzollern, bringt durch das Führen weiterer Kriege den Ordensstaat an den Rand des Ruins. Die überaus schwierige Lage zwingt Albrecht zum Wandel seiner Haltung und zugleich zu weiteren Friedensverhandlungen mit dem polnischen König, der, am Rande gesagt, sein Cousin ist. Albrecht bricht mit dem Ordensleben, reformiert im Sinne Luthers die Staatsreligion und säkularisiert den Staat, der fortan ein Lehen des polnischen Königs, Sigismund des Alten, wird. Am 9. April 1525 wird der Frieden geschlossen, ein Tag später legt Albrecht in Kraków den Lehnseid auf den polnischen König ab. Trotz familiärer Verbindungen zwischen den beiden Statisten wird die neue Nachbarschaft nicht friedlich. Darüber aber ein anderes Mal.

Bibliografie:

  • Karl Heyer, „Studienmaterialien zur Geschichte des Abendlandes“, „Der Deutschritterorden und die Ursprünge des späteren Preussens“, „Der Deutschritterorden, die Preußen und die Polen“
  • Hans von Hülsen, „Tragödie der Ritterorden. Templer, Deutsche Herren, Malteser“, Münchner Verlag, München 1948
  • Richard Schmidt, zitiert nach Hans von Hülsen
  • Henryk Samsonowicz
  • Adam Krzemiński
  • Wochenzeitschrift „Polityka“
  • Wikipedia

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