• Wie Platon missbraucht wurde
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oder der „pädagogische Eros“ in der deutschen Reformpädagogik

Es ist den letzten Wochen viel über den sexuellen Missbrauch an den Schulen, allen voran an den Internatsschulen, geschrieben. Es ist genug gesagt worden, dennoch vieles ist nicht klar.

Was mich seit Tagen beschäftigt, ist die Art und Weise, auf welche sich die Reformer der Pädagogik und deren Verfechter auf Platons Schriften berufen. Sie tun es in dem Zusammenhang, wenn über zu viel körperliche Nähe zwischen dem Lehrer und seinem Schüler die Rede ist.

Ein Beispiel von vielen: Adolf Muschg* schreibt im Tagesspiegel: „Damals brauchte er [der Leiter Gerold Becker] seine Neigungen, die jetzt am Pranger stehen, nicht zu verleugnen. Die Grundlegung des ‚pädagogischen Eros‘ findet sich in den Schriften Platons, die vom Körperlichen der Lehrer-Schüler-Beziehung durchaus nicht absehen.“ So wähnt man sich in guter Gesellschaft. Es hätte allerdings schon kund werden müssen, dass Plato nie von körperlicher Anziehung als notwendigem Bestandteil der Liebe, des Eros, gesprochen hat, daher auch „platonisch“ – „ohne körperliche Anziehung“. Ein Imperativ, wenn es sich um Sympathie zwischen einem Lehrer und seinen Schülern handelt. Denn der pädagogische Eros ist in seinem Wesen die hohe Gefühlslage zwischen dem Schüler und seinem Lehrer, die eine Voraussetzung dafür ist, dass der Schüler lernen mag und es dem Lehrer wichtig ist, dem Schüler das Wissen zu vermitteln. Ohne diese Gefühle, die unmittelbar Einfluss auf die Motivation sowohl des Lehrers als auch des Schülers nehmen, gelingen Erziehung und Didaktik nicht. Der „pädagogische Eros“, jedoch verstanden als „körperliche Anziehung“, ist zu einem Element der deutschen Reformpädagogik – einer Erziehungskunst! – geworden: Überschreiten der Grenze zur Päderastie war geradezu zwangsläufig, und über viele Jahre gängige Praxis. Fatale Fehldeutung des Begriffs Eros!

„In diese erotischen Mysterien kannst vielleicht auch du, Sokrates, eingeführt werden.“

Schauen wir uns das an, was Platon über Eros sagt. Diesem bedeutenden Begriff ist der Dialog »Symposion« gewidmet. Nach der oberflächlichen Lektüre kann man in der Tat den Eindruck gewinnen, bei der Zusammenkunft der Freunde bei Agathon wird über homosexuelle Liebschaften gesprochen. Bei einer vertieften Lektüre des Dialoges erkennt man jedoch unschwer, dass es da um ganz andere Ebenen des menschlichen Geistes und um die transcendente Welt des Geistes, Welt der Ideen, geht, ganz und gar nicht aber um homosexuelle körperliche Liebe. Das sind aber die heutigen Leser, alles moderne Menschen, die glauben, es handelt sich um Sexualität, wenn vom Eros gesprochen wird.

Eins vorweg: Im alten Griechenland war die Frau nicht am gesellschaftlichen Leben der Männer beteiligt. Frauen waren auch bei philosophischen Debatten niemals dabei. Sie hatten ihr eigenes Bereich im Haus. Es war also nichts Sonderbares, dass erwachsene Männer ausschließlich untereinander diskutierten. Dieses hatte nichts, aber absolut nichts mit der Bevorzugung des männlichen Geschlechts im sexuellen Leben zu tun, auch wenn eine tiefe Sympathie zwischen den Debattierenden entstand, zwischen Debattierenden, die zwangsläufig nur Männer sein konnten! Es war eine tiefe Freundschaft zwischen den Männern – wie gesagt, eine Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau kam nicht in Frage –, wo eine Umarmung ein selbstverständlicher Ausdruck der Zuneigung und des Zaubers war. Auch heute ist solche Freundschaft verständlich. Und auch damals war grobe Päderastie kein Ausdruck der Freundschaft und dem entsprechend sprach man darüber: kritisch, zuweilen mit Hohn.

Und noch etwas: Die Begriffe, über die Männer damals so ausgiebig diskutiert haben, sind in heutige Sprachen nicht so leicht oder gar nicht zu übersetzen, oder sie werden mit mehreren Worten umschrieben. Die meisten sind aber nur im griechischen Original bekannt: Arete, Agathos, Eudaimonia, Logos, Nous, Sophist, Philia, Daimonion, Ethos, Episteme und andere. Nur bei dem Wort Eros glaubt heute jeder, darunter etwas zu verstehen. Ja, jeder darf das verstehen, was er möchte oder kann, nur soll er Platon oder Sokrates nicht für eigene Gedanken in Geiselhaft nehmen.

In dem ersten Teil des Dialogs sprechen, Agathon, Pausanias, Phaidros, Aristophanes, Eryximachos über die Liebe. Im zweiten Teil spricht Sokrates; er spricht für sich, in seinen Worten findet dennoch die platonische Lehre ihren Ausdruck. Zum Schluss des Dialoges – die bekannte Szene mit Alkibiades, der erst nach der Debatte zu der Gesellschaft gestoßen ist. Jeder Redner spricht über sein Verständnis von Eros, über Gefühlsleben, über dionysische Leidenschaft. Nicht alle der Ausführungen sind auf hohem Niveau. Die letzte „vorsokratische“ Betrachtung präsentiert Agathon. Agathon, für den schöne Worte wichtiger sind als der tiefere Sinn. Jetzt beginnt Sokrates zu reden, es ist eigentlich keine Rede, sondern nur Fragen, Sokrates‘ typische, nervige Fragen. Aber seine Freunde hören ihm aufmerksam zu, denn sie wissen, in einem Gespräch mit ihm werden Begriffe kristallklar, sie werden leuchtend und lebendig. Nach einer Weile geht Sokrates von den gnadenlosen Boshaftigkeiten in Richtung Agathon zu den Eigenschaften des abstrakten Begriffs von Eros über. Und erst hier wird die Sache interessant, ja fesselnd: Platon lässt nämlich Sokrates von dessen Gespräch mit Diotima, einer Pristerin aus Mantinea, berichten.

Sie spricht vom Streben nach Unsterblichkeit als einem wesentlichen Merkmal des Eros: „… Denn hier und dort sucht die sterbliche Natur, nach Möglichkeiten ewig und unsterblich zu sein … durch Fortpflanzung, das sie stets ein Junges anstelle des Alten hinterlässt … durch Wissen … durch Gedächtnis.“ „Denn auf diese Weise wird jegliches Sterbliche gerettet, nicht dadurch, dass es schlechthin immer dasselbe ist wie das Göttliche, sondern dadurch, dass das, was entschwindet und alt wird wieder ein Junges von der selben Art hinterlässt, wie es selber war. Durch dieses Mittel“, sagt Diotima, „hat Sterbliches an der Unsterblichkeit teil, der Leib ebenso wie alles andere; …wundere dich also nicht, wenn ein jegliches von Natur aus das wert hält, was von ihm abstammt; denn um der Unsterblichkeits willen steht einem jeden dieser Eifer und diese Liebe zur Seite.“**

Dieser Eifer und diese Liebe, die Unsterblichkeit zu Folge haben, äußern sich weiter durch mannigfaltige Werke der Menschen, durch gesellschaftliche Einrichtungen und Gesetze, durch Wissenschaft, durch Weisheit. Und zum Schluss durch Liebe zu dem ewig Seienden: „… dass man, mit diesen schönen Dingen hier beginnend, um jenes Schönen willen weiter hinaufsteigt, wie auf Stufen: … von den schönen Leibern zu den schönen Einrichtungen und von den Einrichtungen zu den schönen Wissenschaften, bis man von den Wissenschaften aus zu jener Wissenschaft gelangt, die die Wissenschaft von nichts anderem als von jenem Schönen selbst ist, und er schließlich erkennt, was das Schöne selbst ist.“** „Es ist ein immer Seiendes, das weder entsteht noch vergeht, weder zunimmt, noch abnimmt.“** „An dieser Stelle im Leben, mein lieber Sokrates“, sagte die fremde Frau aus Mantinea, „wenn überhaupt irgendwo, ist das Leben für den Menschen lebenswert: wenn er das Schöne selbst schaut.“** „… Wenn es einem zuteil würde, das Schöne selbst lauter, rein und unvermischt zu sehen, nicht voll von menschlichen Fleisch und von Farben und von all dem sterblichen Flitter, sondern wenn er das göttliche Schöne selbst in seiner Eingestaltigkeit zu sehen vermöchte, … er nicht nur Schattenbilder der Tüchtigkeit zeugt, da er auch nicht ein Schattenbild berührt, sondern das Wahre, weil er das Wahre berührt. Und wenn er die wahre Tüchtigkeit zeugt, und aufgezogen hat, ist ihm vergönnt, gottgeliebt zu werden, und dann kann, wenn überhaupt ein Mensch, auch er unsterblich sein.“**

Es liegt auf der Hand, dass Sokrates, die Weisheit von der göttlichen Liebe den Menschen gebend, auf sich selbst den Zorn der Einflussreichen gezogen hat. Denn er spricht von einem anderen Gott, er spricht von den wahren erotischen Mysterien, die der Grieche in der Antike hat noch nicht erkennen sollen. Solcher Art Vergehen – Mysterien-Verrat – das in unseren Augen kein Vergehen ist, wurde einst mit dem Tode bestraft. Das und nicht etwa der in jener Zeit übliche gesellschaftliche Verkehr der Männer mit- und untereinander, das „Verderben der Jugend“, wie die Anklage gegen Sokrates damals lautete.

* * *

Adolf Muschg* schreibt in dem oben zitierten Artikel: „Erotik ist immer Grenzüberschreitung“, es wäre „nur die Frage, ob sie uns willkommen ist oder nicht.“ Ich frage mich, warum so viele Menschen das Wesen der platonischen Liebe, des Eros’, nicht begreifen wollen und trotzig bleiben bei den anfänglichen Ausführungen der anderen Teilnehmer des Gastmahles zu der Liebe zu ihren Freunden, die im Grunde durch das von Sokrates und Plato Gesagte aufgehoben sind. Und darüber hinaus: Warum sehen so viele Menschen in diesen von Plato lächerlich gemachten Einsichten die Bestätigung für gleichgeschlechtliche Liebe im heutigen Sinne oder gar für Päderastie, die heute in keiner Form akzeptiert wird?

Und zum Schluss: Hartmut von Hentig*** sagt in seinem Interview im spiegel.de Folgendes: „ … an vielen humanistischen Gymnasien huldigte man dem Ideal der Kalokagathie der alten Griechen.“ Dies „könnte sexuelle Verführung begünstigen, … muss das nicht und hat das nicht, jedenfalls wird dergleichen derzeit nicht behauptet.“ Ja, das würde noch fehlen! Kalokagathia, das Erziehungsideal der alten Griechen, ist auch einer jener schwer übersetzbaren Begriffe. Dieser ist jedoch später in viele pädagogische Systeme eingeflossen, als Erziehungsideal eben. Kalokagathia, kalós kai agathós, zusammengesetzt aus kalósschön und agathósgut, war schon immer – und ist es bis heute – der Ausdruck für moralische, körperliche und geistige Vollkommenheit, die in der Erziehung und Bildung der Kinder und Jugend erreicht werden wolle. Herr von Hentig, wo ist hier Platz für die „Begünstigung der sexuellen Verführung“? Und wer soll wen zu sexuellen Handlungen verführen: Der schöne und gute Schüler den Lehrer oder der Lehrer, der die Ideale von kalós und agathós in seiner Arbeit verwirklichen will, das Kind?

* Adolf Muschg, Der Tagesspiegel, 15, März 2010

** Platon, Symposion, Patmos Verlag GmbH, Artemis & Winkler Verlag, 2002, Seiten 113-119

*** Hartmut von Hentig, spiegel.de , 14. März 2010

2 Kommentare

  1. Liebe Therese,
    ich bin sehr beeindruckt von deinem Artikel. Ein sehr gutes Thema das du hier aufgreifst und ich stimme deinen Äußerungen zu. Du hast das alles so wunderbar erklärt, was doch eigentlich – vom Kopf her – logisch sein sollte. Liebe und Eros haben mit sexuellem Verlangen nur bedingt zu tun und mit Päderastie gar nichts. Zumindest nicht in dem Zusammenhang wie er im Moment diskutiert wird. Vielen Dank für deine Worte, deinen Artikel.
    Liebe Grüße
    Brigitte

  2. Liebe Brigitte,

    danke für Deine Worte. Das ist in der Tat ein Thema, das mich jetzt, als die Skandale in der Odenwaldschule die breite Öffentlichkeit erreicht haben, sehr aufgewühlt hat. Ich bin in meiner Kindheit im Geiste der anderen Reformpädagogik, über die ich in dem Artikel „Janusz Korczak“ schreibe, erzogen – Korczaks Kinderbücher haben mich bis ins erwachsene Leben geprägt – bin zutiefst erschüttert über die vermeintlich „elitäre“ Erziehung, Erziehung vermeintlich im Sinne der griechischen Antike, die die armen Kinder der Odenwaldschule durch ganze Jahrzehnte hindurch über sich ergehen lassen mussten.

    Was mich aber noch mehr beunruhigt, ist die Tatsache, dass die Öffentlichkeit sich mehr über das Kriminelle empört (was auch empörend ist), als über das falsche Verständnis der antiken Kultur, der Erziehungskunst und ihrer Ideale, gar Verrat an diesen. Ich habe im Zuge der OSO-Affäre leider lernen müssen, dass hohe Ideale zynisch benutzt werden können für Machenschaften von Menschen, die über eine gewisse Macht verfügen, die gesellschaftlich geschützt und sogar unterstützt werden (siehe die so genannte „protestantische Mafia“) und über Jahrzehnte hohes Ansehen genießen. Menschen, die ihre niederen Triebe – unvorstellbar! – auf Kosten der Heranwachsenden befriedigt haben.

    Und eins noch: Wie ich in diesem hier Artikel erwähnt habe, war die gesellschaftliche Position der Frau im antiken Griechenland eigentlich gar keine; die Sexualität zwischen Mann und Frau, bedingt durch die Anatomie und Physiologie, war von den Männern als für die Frau erniedrigend gesehen worden. Gerade deshalb, weil die alten Griechen keinen heranwachsenden jungen Mann in seiner Würde als Mann hatten herabsetzen wollen, war die Sexualität unter den Männern nicht auf Unterwerfung und Abhängigkeit ausgerichtet gewesen – anders als es die bekannten und anerkannten Pädagogen der Odenwaldschule praktiziert haben.

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