• „Gott hat Humor…
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… denn er hat den Menschen geschaffen.“

Gilbert Keith Chesterton

Weltenhumor, ein Fragment der Skulptur „Menschheitsrepräsentant“ von Rudolf Steiner, Goetheanum, Dornach

Mit diesem Text werde ich hier eine Serie beginnen: Ich möchte über menschliche Tugenden schreiben. Allein das Wort ist für den heutigen Leser beinah vergessen, seine Konnotationen scheinen nicht mehr wichtig, nicht mehr beachtenswert zu sein. Gar zu ernsthaft, nicht mehr modern, nicht zeitgemäß, ja lebensfern oder realitätsfern. Ich weiss um diese ernsthaften Schwierigkeiten, deshalb werde ich mit einer jedem wohlbekannten und in unserem täglichen Leben sehr geschätzten, sogar unerlässlichen Tugend anfangen, dem Humor.

Humor soll eine Tugend sein?

Sigmund Freud schreibt 1927 über Humor: „… Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Großartiges und Erhebendes, […]. Das Großartige liegt offenbar […] in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs. Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, dass ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahegehen können, ja es zeigt, dass sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind. …“

 Humor steht zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie oder Spott in allen ihren Schattierungen: Ob diese gegen andere gerichtet sind, gegen sich selbst, ob wir von Ironie des Schicksals sprechen, die anstelle der Worte eintritt, wobei hier eher Trolle ihre Finger im Spiel haben müssen, als es der gütige personifizierte Humor selbst handelt. Es lohnt sich, Humor und Ironie zu vergleichen, denn oft werden diese beiden menschlichen Eigenschaften verwechselt. 

Ironie ist sicher keine Tugend, sondern eine Waffe, die gegen einen anderen gerichtet ist, wenn auch im Fall der Selbstironie sie sich gegen einen selbst richtet. Sie ist nie großzügig, sie ist höhnisch, boshaft, demütigend, verletzend, vernichtend. Sie bringt die Schwächen des anderen oder eigene zum Vorschein, entblößt die Achillesferse der Belächelten und lässt die Getroffenen nach dem Wortgefecht auf dem Kampffeld vernichtet. Ironie ist oberflächlich, sie beschäftigt sich nicht mit der Person, sie will nur das eigene Ego machtvoller erscheinen lassen; sie steigt niemals in die Tiefe der Dinge. Ironie kann lustig sein, aber auch wenn sie so ist, sie ist niemals humorvoll. 

Humor dagegen ist die Kraft, die eigene und der anderen Menschen Schwächen herzenswarm nimmt. Humor stellt den Lachenden und den Belächelten auf eine Ebene. Deshalb gibt es in ihm keinen Hochmut. Ironie ist hochmütig, Humor ist demütig. Weil Humor im Gegensatz zur Ironie keine Waffe ist, ist er reflexiv, muss eigentlich so sein, denn in das Lachen oder das bittere Lachen schließt er sich selbst ein und motiviert zur Nachdenklichkeit. 

Ein und derselbe Scherz kann Ironie oder Humor sein. Bei einem, der auch sich selbst den anderen mit der Speerspitze des scherzhaften Satzes ausliefert, ist dieser Scherz humorvoll, bei einem Menschen, der sich ausnimmt, ist es nur Ironie. Diese beiden Erscheinungen lassen sich freilich nicht immer sauber trennen: Sokrates, der große Ironiker, der jegliche Unzulänglichkeit, die sich großtun wollte, verspottete, lachte genauso laut über seine eigenen Schwächen, auch wenn der Anlass dazu Spott vom Aristophanes war.

Humor ist aber nicht nur zum Lachen da. Er ist wahre Hilfe in jeder ernsten Lebenslage. Er verwandelt Traurigkeit in Heiterkeit, lässt in dunkler Verzweiflung Lichtfunken erkennen. Aber vor allem entschärft Humor den Hass, die Wut, die Rachsucht, den Fanatismus. Humor befreit den Menschen von seinen Illusionen, er wirkt ent-täuschend! Er bringt Ordnung in verwirrte Gedanken, weil in ihm immer die Sympathie, die Liebe spricht. Liebe, die wiederum zum Helfen, zum Handeln ermutigt.

Wie sollte er also keine Tugend sein?

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André Comte-SponvilleErmutigung zum unzeitgemäßen Leben, Ein kleines Brevier der Tugenden und WerteRowohlt, 1996