• Tugend des Risikos und der Entscheidung

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So wie unter den drei theologischen Tugenden – Liebe, Hoffnung und Glaube – die Liebe die größte ist, so werden unter den vier Kardinaltugenden – Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung – die drei anderen der Klugheit untergeordnet. So wie die Liebe die Hoffnung und den Glauben mit Sinn erfüllt, so entscheidet die kluge Voraussicht darüber, ob die drei weiteren Kardinaltugenden als solche noch zu bezeichnen sind, oder ob sie sich durch unkluge Handlungen in ihren Gegensatz verkehren.

Thomas von Aquin definiert Tugenden als „Habitus des Guten“ und stellt die Klugheit allen anderen voran. Der Philosoph betont, dass Tugend eine menschliche Leistung ist und somit lern- und lehrbar.

„Weisheit ist die Hochform des Wissens  um Welt und  letzte Dinge“

Das gilt, nebenbei bemerkt, genauso für die theologischen Tugenden, denn ohne eine weise Erkenntnis und ein kluges Handeln verkehrt sich der Glaube in Fanatismus und die Hoffnung in Naivität und Untätigkeit. Die Tugend als solche ist demnach notwendig klug. Die Klugheit, selbst eine Tugend, macht erst die anderen zu Tugenden.

Die Philosophen sehen zurecht einen Unterschied zwischen der Klugheit und der Weisheit: Klugheit – Phronesis, Prudentia– ist die Helferin sowohl in den alltäglichen praktischen Belangen, als auch bei den lebenswichtigen Entscheidungen. Durch das Bestreben, über das Ziel des Vorhabens nachzudenken und die Konsequenz des Tuns vorauszusehen, befähigt die Klugheit den Menschen dazu, durch die Irrungen und Wirrungen des Lebens sicher zu wandern. Aristoteles meinte, Klugheit sei eine intellektuelle Tugend, denn sie beruht auf Erkenntnis und Einsicht. Sie erlaubt uns, durch „Abwägen und Unterscheiden des Zuträglichen und Abträglichen“ richtig zu beurteilen, was in gegebener Situation gut oder schlecht ist und auch danach zu handeln. Obschon Erkenntnis und Einsicht von besonderer Bedeutung sind, sind diese im irdischen Leben nie vollständig oder absolut. Gerade der Anteil an Ungewissheit, Unsicherheit und Risiko gibt einer Entscheidung oder Wahl die nötige Gestaltungskraft für das Kommende. Die Klugheit temperiert aber die Risikobereitschaft: Lässt den Menschen mutig handeln und nicht tollkühn, heldenhaft sein aber nicht hitzköpfig. Die Zukunftsorientiertheit der Klugheit ist ihr besonderes Merkmal: Sie ist vorausschauend und vorsehend, weil der Kluge darauf achtet, was geschehen kann, genauso, wie er aufmerksam verfolgt, was gegenwärtig geschieht. Sie ist die Tugend der Dauer, der ungewissen Zukunft und des günstigen Augenblicks – des Kairos, unseres alten Bekannten!

Die Weisheit – Sophia, Sapientia – obwohl mit Klugheit verwandt, hat für uns andere Gaben: Durch die Fähigkeit zur Erkenntnis schenkt sie uns die „Glückseligkeit“ der Einsicht, im Sinne der Bereitschaft, das Unabwendbare zu akzeptieren. Auch wenn wir in der Natur oder bei kleinen Kindern nicht selten von Weisheit sprechen, ist damit mehr die göttliche Weisheit gemeint, die durch die kleinen Kinder oder durch die Natur spricht. Die, die uns hier interessiert, die menschliche Weisheit, setzt voraus innere Reife und ein Maß an Lebenserfahrung. „Sie ist letztlich nichts anderes als das Maß unseres Geistes“, sagt Augustinus, „… Hat der Geist jedoch Weisheit gefunden, dann brauchte er weder Unmaß, noch Mangel, noch Unglück zu fürchten. Dann hat er seine Weisheit und ist immer glücklich.“ *

Die zwei wichtigsten Attribute der Klugheit und der Weisheit, die wir auf den zahlreichen Darstellungen sehen, sind ein Spiegel und eine Schlange. Wenn der Spiegel die Selbstreflexion, die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis im Sinne „Erkenne dich selbst!“ symbolisiert, steht die Schlange auf der einen Seite für seherische Kräfte, für Gesundung, Instinkt, Lebenskraft, Leidenschaften, die sowohl das männliche als auch das weibliche Prinzip beleben, weiter für Erneuerungskraft, Triebkraft und Energie, auf der anderen Seite ist sie seit Anbeginn ein Symbol für das Böse. Ergo steht die Schlange für die Möglichkeit, das Gute oder das Böse zu tun. In dem Gestus der Frau auf diesen vielen Abbildungen, die den Drachen oder die Schlange fest mit oder in ihrer Hand hält, zeigt sich ihre Fähigkeit, all diese Kräfte zu beherrschen. Ohne die Kontrolle über diese besonderen Kräfte, aber auch ohne die Erkenntnis der Dinge, die der Schlange unterliegen, hätte man mit dem Gegensatz der Weisheit zu tun, mit der nackten, kalten, verderblichen, gegen die Menschen gerichteten Intelligenz, die durchaus ihr verbrecherisches Potenzial entwickeln kann.

Wenn Thomas von Aquin die Tugenden als Habitus des Guten definiert und davon spricht, dass Tugenden lern- und lehrbar sind, ist es keine bloße Feststellung, sondern eine Aufforderung, dieses zu beachten und in erzieherischer oder selbsterzieherischer Bemühung als Ziel oder Mittel zum Ziel zu berücksichtigen und einzubeziehen. Das bekannte Experiment von Philip Zimbardo, in dem er aufzeigen konnte, dass ganz normale Menschen in außergewöhnlichen Situationen ihren gesunden Instinkt und ihre scheinbar fest verankerten positiven Verhaltensweisen in ihr Gegenteil verkehren können, beweist, wie wesentlich es ist, das Gute im Habitus der Tugenden unaufhörlich zu stärken, jedoch besonders dann, wenn Menschen dem Druck einer extremen Situation ausgesetzt sind und eine neue Rolle, die sie noch nicht geübt haben, einzunehmen gezwungen sind.

Gewissensbildung können wir auch diese erzieherische und selbsterzieherische Anstrengung nennen. Ohne Erkenntnis ist jedoch die Mühe umsonst! „Eine gute Tat muss aus der Erkenntnis geboren werden, sonst ist sie keine gute Tat“, schreibt Josef Pieper.** Das ist eine wichtige Feststellung, denn es geht immer darum, bewusst zu handeln. Genauso wichtig ist hier zu unterstreichen, dass die Erkenntnis jedem zugänglich ist.

Wie immer, wenn es um die Entscheidung zwischen Gut und Böse geht, hat der Mensch die Freiheit, sich von dem Guten abzuwenden und das Böse zu wählen. In diesem Fall wird aus Klugheit und Weisheit – Schlauheit, Gerissenheit, List und Tücke. Manipulieren, Verführen, Betrug – aus Tugend wird Laster. Gerissenheit oder Manipulieren, List und Schlauheit bringen in manchen Situationen sicher Vorteile. Sie sind aber dadurch, dass sie gegen andere gerichtet sind ohne Zukunft. „Die Klugheit ist diese paradoxe Erinnerung an die Zukunft oder, besser gesagt, diese paradoxe und notwendige Treue zur Zukunft“, sagt André Comte-Sponville.***

*Augustinus, Über das Glück 4,35

**Josef Pieper, Über die Tugenden, München 2004

***André Comte-Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, Rowohlt 1996