• Frauen in der bildenden Kunst
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»Malen ist für mich so notwendig wie atmen«

Das sind Worte der französischen Impressionistin, Berthe Morisot.

Plinius der Ältere erwähnt in einem Kapitel  seines Werkes Naturalis historia mehrere berühmte Malerinnen des antiken Griechenlands, die er für Werke lobt, die leider nicht erhalten geblieben sind. Spätere Zeiten sind für uns gnädiger: Was für ein Genuss, über die Jahrhunderte der Kunst zu wandern!

In längst vergangenen Epochen waren es nur weibliche Ausnahmetalente, die eine gewisse Bekanntheit erlangen konnten und zwar nur dann, wenn die Umstände überaus günstig waren. In der Antike und in den späteren Epochen – mit der Ausnahme des Mittelalters – waren es vorwiegend die Töchter von Malern, die ihr Talent entwickeln konnten, weil sie die Möglichkeit hatten, die Kunst und das Handwerk in den Werkstätten der Väter zu erlernen und zu verfeinern. Im Mittelalter konnten die talentierten Frauen nur als anonyme Künstlerinnen in Klöstern die Miniaturen für Bücher anfertigen und somit ihre Berufung als Malerinen ausleben. Die andere Form des künstlerischen Ausdrucks der Frauen, die Tapisserie, stellte zu damaliger Zeit übrigens kein autonomes Kunstwerk dar. 

Es mussten Jahrhunderte vergehen, in der bildenden Kunst musste die Renaissance die Gotik ablösen, damit neue Schulen entstehen konnten. Themen aus der Mythologie und aus der Bibel fanden zunehmend Eingang in die bildende Kunst, auch  Portraitmalerei wurde beliebt: Die naturalistischen Bilder dieser Zeit zeigen erste Versuche psychologischer Interpretation. Indes war es nicht nur der männliche Chauvinismus, die Frauen von der Malerei fernzuhalten. In den Malerwerkstätten des 16. und 17. Jahrhunderts, wo die Adepten der Kunst nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt hatten, war es ausgeschlossen, dass auch junge Frauen eine solche Ausbildung absolvieren konnten. Kein Vater hätte seine Tochter in eine ähnliche Ausbildung gegeben; auch war es in der damaligen Gesellschaft nicht vorgesehen, als Frau Künstlerin zu werden und als solche tätig zu sein. 

In der Renaissance und der  Barockzeit waren es nur wenige Malerinnen, die ihren Lebensunterhalt durch ihre künstlerische Tätigkeit bestreiten konnten. Für diejenigen, denen es gelungen war, bedeutete es, dass sie die größte Anzahl ihrer Bilder auf Bestellung gemalt hatten. Wie damals üblich, waren die Auftraggeber der Künstler und Künstlerinnen Könige und Adelige. Das heißt, eine Malerin  lebte und arbeitete auf dem Hof. Es wird dadurch auch verständlich, warum die meisten Werke Portraits und Gruppenszenen sind. Die erste Alltagsszene übrigens, die in dieser Zeit gemalt worden ist – „Drei Schwestern beim Schachspiel“ ist ein Werk der Sofonisba Anguissola (1531-1625), der erfolgreichsten Malerin ihrer Epoche. Sofonisba lebte viele Jahre auf dem spanischen Hof und malte sowohl die Mitglieder der königlichen Familie, als auch Adelige, die sich dort aufgehalten hatten. 

Auch Artemisia Gentileschi (1593-1653) war die Tochter eines Malers. Sie erhielt in seiner Werkstatt die Ausbildung und wurde eine der besten Malerinnen der Epoche. Ungewöhnlich an Artemisia ist, dass sie sich nicht auf die damaligen frauentypischen Sujets beschränkte, sondern auch großformatige Historienbilder sowie mythologische und biblische Themen malte. Als eine der wenigen Malerinnen wagte sie es, den nackten weiblichen Körper darzustellen. Artemisia war in ihrer Zeit berühmt, geriet aber nach ihrem Tod in Vergessenheit. Erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde man wieder auf sie aufmerksam. In der Zeit also, in der Frauen selbst intensiver und gezielter über Künstlerinnen zu forschen begannen. 

Fast 200 Jahre früher wirkte Angelica Kauffmann (1741-1807). Sie war ebenfalls Tochter eines Portrait- und Freskenmalers. Da es damals für Mädchen keine reguläre Schulbildung gab, war es der Vater der das kleine Wunderkind unterrichtete. In kurzer Zeit aber begann das Mädchen seinen Vater zu überragen. Schon sehr früh wurde sie berühmt und bekam Aufträge: Auch sie malte überwiegend Portraits. Porträtieren war die Domäne der Künstlerinnen. Später ging Kauffmann zu einer anderen Themenwelt, dem Klassizismus über, womit sie den Geschmack des Publikums traf und mit dem Zeitgeist konform ging. 

Genau hundert Jahre nach Angelika Kauffmann lebte und wirkte Berthe Morisot (1841-1895). Sie und ihre Schwester Edma, die ein starkes Interesse an Malkunst entwickelten, erhielten Kunstunterricht, der weit über das hinaus ging, was Töchter aus einer angesehenen Familie sonst erhalten hatten. Der künftige Lehrer schrieb eine Warnung an die Mutter: „Mit Veranlagungen, wie Ihre Töchter sie aufweisen, (…) werden sie Malerinnen werden. Wissen Sie was das heisst? In ihrer Position als Glieder der oberen Mittelschicht bedeutet dies eine Revolution, beinahe möchte ich sagen: eine Katastrophe.“

Edma gibt nach ihrer Heirat das Malen auf, Berthe fällt es in dieser Zeit besonders schwer, ihre künstlerischen Interessen und ihr Wirken als unverheiratete Frau ohne die Gesellschaft der Schwester fortzusetzen. Eine Frau, die sich solchermaßen emanzipiert, die junge, hübsche Frau, versteht sich, auf die wird mit dem Finger gezeigt: Sie wird zur Einzelgängerin, beobachtet, getadelt und für verrückt erklärt und folglich ist sie noch unfreier…“, kommentiert die russische Malerin Marie Bashkirtseff die Situation der Künstlerinnen in der Gesellschaft.

Berthe schließt sich den Künstlern der neuen Bewegung, den Impressionisten, an. Als einzige Frau beteiligt sie sich an der ersten, von der akademischen Doktrin unabhängigen, Ausstellung. Und als Einzige hat sie mit ihren Bildern großen Erfolg: Ihr Thema ist das bürgerliche Familienleben, die Bilder sind anmutig und zart. So spricht sie über die Kunst von Frauen: „Unsere Werte liegen wirklich im Gefühl, in der Einfühlsamkeit, in einer Vision, die subtiler ist als die der Männer und wir können viel erreichen, wenn wir sie nicht durch Affektiertheit, Pedanterie und Sentimentalität verderben.“

Und doch ist Berthe Morisot, eine Impressionistin der ersten Stunde, so wie die Malerinnen der früheren Jahrhunderte nur marginal in die Kunstgeschichtsschreibung eingegangen. Dass es nicht an der Qualität liegen kann, ist klar. Die weiblichen Erfahrungen, die selbstredend in die Kunst hineingetragen worden sind, führten oft zu der abwertenden Bezeichnung „Frauenkunst“, wogegen die von Männern favorisierte Themen und Perspektiven als universell relevant akzeptiert worden sind. Für die Künstlerinnen scheint es notwendig zu sein, sich an gesellschaftliche Erwartungen anzupassen, um sich als Frau in der Kunstwelt durchzusetzen. 

Diese Feststellung hat wohl nichts an ihrer Aktualität verloren…