• „Verein und leite!“ – über Barack Obama
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An dem Tag, an dem ich meine erste Seite dieser Homepage geschrieben hatte und ihr den Titel „Stirb und werde!“ gab, schien mir dieser nur mit meiner persönlichen Biografie zu tun zu haben. Ein Hauch der Unsicherheit war da, ob es doch nicht zu persönlich ist, diese Losung. Ob sie für die ganze Site stehen kann?

Geschrieben in der Wahlnacht im November 2008

Die Zweifel waren unbegründet, zeigte sich nach genauerem Besehen. So gut wie jedes Thema, über das ich schreibe, ob auf dem Blog, ob hier auf den politischen Seiten, hat diesen ewigen Wandel in sich. Dieses „Stirb!“ ist in jedem Niedergang und Verfall, in jeder Ebbe, in jedem Stillstand, die allem Lebendigen innewohnen, vorhanden. Wie unausweichlich eine Phase des Stillstandes ist oder aufgezwungener Untätigkeit, so sicher ist es auch, dass nach der Nacht der Tag kommt, nach dem Stillstand – Bewegung, nach dem Absterben – neues Keimen, neue Hoffnung, neue Entwicklung: Eben dieses „Werde!“.

Es ist nicht nur das notwendige Durchschreiten schwieriger Zeiten, nicht nur das Warten auf neue Chancen und Gelegenheiten, nicht nur das zurückgezogene Verharren. Ohne diese Krisen, ohne Zeiten des Kräftesammelns und Reifwerdens der Ideen, wäre eine neue, oft plötzlich aufkommende, Entwicklung gar nicht zu bewältigen.

So ist es aber nicht nur im individuellen Schicksal der Menschen. Ganze Völker oder Nationen erleben immer wieder in ihrer Geschichte Zeiten des Neubeginns. Nach Kriegen oder Revolutionen, noch besser: nach überwundenen Revolutionen finden die Menschen titanische Kräfte, um Zerstörtes neu aufzubauen, neue Prozesse anzustossen und Altes und  Kompromittiertes definitiv hinter sich zu lassen. So hatte es sich vor einer Generation in Europa abgespielt, so erleben wir es aktuell in Amerika.

Die Vereinigten Staaten unterscheiden sich jedoch von allen anderen Ländern dadurch, dass jegliche systemische Veränderungen nicht nur ihre Welt betreffen; das Land hat eine weite Strahlkraft und dadurch, sozusagen, die Aufgabe, der Welt voranzugehen. Deshalb die Freude der anderen über jede Erneuerung dort.

Wie oft war die amerikanische Demokratie totgesagt! Wie oft waren wir oder frühere Generationen Zeugen einer scheinbaren Götterdämmerung: Ob es der Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert war, ob es große Wirtschaftskrisen waren oder dramatische Entwicklungen in der Innenpolitik wie in der Ära McCarthy oder wie neulich ein vermeintlicher Verlust der führenden Rolle in der Welt, verursacht durch die Entwicklungen in der Zeit der George-W.-Bush-Präsidentschaft. Jedoch am Ende jeder solchen Phase sehen wir erstaunt, wie eine Erneuerung aus dem Volk heraus kommt. Neue Ideen werden geboren, ein Umschwung in der öffentlichen Meinung findet statt. In den letzten 200 hundert Jahren war und weiterhin ist stets ein bedeutender Wechsel- und Zusammenspiel zwischen der politisierten Bevölkerung und den Medien, der vierten Macht, der Öffentlichkeit, zu beobachten.

Aktuell sind wir Zeugen einer fast nichtgeglaubten, trotzdem unruhig erwarteten Erneuerung der amerikanischen politischen Verhältnisse. Diese Erwartung wurde durch den Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2007 initiiert. Der heutige Präsident-Elekt, Barack Obama, dessen Stern im Aufstieg die erstaunte Welt seit einem Jahr beobachtet, verkörpert das, was man american dream nennt. Die Grundidee, die Phantasie des american dreams ist in der amerikanischen Verfassung verankert und aus ihr geboren. Die Grundvoraussetzung alles Amerikanischen ist, laut Verfassung, dass die Bevölkerung sich selbst eine politische Ordnung geben darf. Zur Zeit des in Europa erstarrten Absolutismus sicherte das amerikanische Grundgesetz den Menschen unveräußerliche Grundrechte, insbesondere das Recht auf Widerstand gegen die eigene Regierung zu! Aus diesem Grundrecht ist für die Menschen eine Pflicht zum politischen Engagement entwachsen. Wie sich das politische Denken in der amerikanischen Bevölkerung des XIX. Jahrhunderts gestaltet hatte, stellte ich in dem Artikel „Der amerikanische Transzendentalismus“ auf diesem Blog dar.

In den letzten Monaten sind wir Zeugen einer gewaltigen Entwicklung, die den Anfang einer neuen Epoche bedeuten wird. Die bekannten Worte aus der amerikanischen Verfassung – „… dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden …“, scheinen ihrer Verwirklichung nah zu sein. Trotz dieser kraftstrahlenden Worte war die Unabhängigkeitserklärung vom Anfang an nur ein Zukunftsprojekt, denn die Sklaverei wurde in keinem der Artikel verurteilt, obwohl man über dieses Thema heftig diskutiert hatte. Auch an diesem Beispiel zeigt sich, dass wirtschaftliche Interessen, in dem Fall die des ganzen Südens, die Menschenrechte überwogen.

Es war sogar ausgeschlossen, dass zur Zeit der Sklaverei freie Amerikaner afrikanischer Abstammung, auch die gab es, automatisch über die ihnen eigentlich aus dem Grundgesetz zustehenden Rechte hätten verfügen können! Sie waren frei, trotzdem rechtlos. Also: Gewiss nicht frei. Abgesehen davon, welche unmittelbaren Ursachen zum Ausbruch des Bürgerkrieges in Amerika führten, ohne Zweifel lag ihnen die Sklaverei zu Grunde. Es war die moralische Verurteilung dieses Zustandes, die Millionen von Menschen hatte mobilisieren können. Das Ende der Sklaverei hatte aber keine wesentliche Verbesserung der Lage der schwarzen Bevölkerung mit sich gebracht! Die fatale Lage der Afroamerikaner hatte erst nach Jahrzehnten der Rassentrennung begonnen, sich zu ändern.

Seit den sechziger Jahren des XX. Jahrhunderts ist viel erreicht worden, erst heute können wir aber sagen, der Bürgerkrieg ist definitiv beendet und alle Menschen verfügen über die ihnen in der Verfassung vom 4. Juli 1776 zugedachten Bürgerrechte.

Die Wahl des Senators Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA ist die Quintessenz des american dreams. Nicht nur das. Seine Wahl zum Präsidenten verändert das Bild von Amerika in der Welt. Seine Hautfarbe wird die Argumente, Amerika sei rassistisch, zunichte machen. Gerade dieses Argument war lange Zeit Nahrung für alle Gegner der USA, die Terroristen des XXI. Jahrhunderts eingeschlossen.

Barack Obama verfügt über ein besonderes rhetorisches Talent, was ihn in Verbindung mit seiner außerordentlichen Empfindsamkeit in Sachen der Gerechtigkeit beliebt macht und in den Menschen jene Hoffnung stiftet, die die Kraft besitzt, die Welt zu verändern. Auch wenn man sagt, der neue Präsident verfüge nicht über viel politische Erfahrung, eine besondere und seltene in der Welt der westlichen Politiker Erfahrung hat er in seinem Leben gemacht: Seine bisherige Biographie zeigt, dass er an Orten lebte, die sich die westliche politische Klasse nicht einmal vorstellen kann. Er hat Armut und existentielle Probleme erlebt und miterlebt. Auch die von ihm selbst in seiner Kindheit und Jugend erfahrene Empathie scheint er wirklich weiter geben zu können.

Einen Vorgeschmack auf seine Präsidentschaft konnte man während des Wahlkampfes gewinnen. Das, was die ganze Welt sehen konnte, stimmt optimistisch. Was kann man also von dem neuen Mann im Weißen Haus  erwarten? Wenn ich diese Worte schreibe, muss ich an die machtpolitische Devise divide et impera denken. Worte, die eine Machtstrategie vieler Herrscher und Politiker wiedergeben. Ich habe die Phantasie, dass zu dem neuen amerikanischen Präsidenten die Worte von Johann Wolfgang Goethe, die dieser zu dem Spruch „divide et impera!“ als Alternative formulierte – „Verein’ und leite!“* besser passen. Sie könnten der Wahlspruch des neuen Präsidenten sein. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie Obama seinen Wahlkampf und seine Wahlkämpfer geführt hat, wird es deutlich, dass seine Stärken die Konzilianz, das Zusammenführen und eine hervorragende Führung der Menschen sind. Das alles ist eine gute Prognose für Amerikas Zukunft und für die Zukunft der ganzen Welt.

Allein vom guten Willen des Präsidenten hängt jedoch das Gedeihen der Welt nicht ab. Seine Klugheit muss auch dahin gehen, dass er dem amerikanischen Volk vermittelt, dass die Epoche des „self made man“ oder „self help“ und damit verbundener Vereinzelung, die sich in der Gesellschaft als eine Tendenz zum Isolationismus zeigt, der Vergangenheit angehört. Von Amerika gehen zwar Impulse in die ganze Welt, Amerika selbst muss aber lernen, dass sie ein Partner der anderen ist, selbst Partner braucht und dass Kompromisse angesagt sind. Obamas Eloquenz und seine Intelligenz werden ihm dabei helfen – so wie die Rednertalente und Weitblick von Lincoln oder Roosevelt diesen Präsidenten aus gewaltigen Krisen herausgeholfen haben.

Die Tatsache, dass über Barack Obama so wenig bekannt ist – vor einem Jahr hat ihn kaum jemand in seinem Land gekannt – müsste sogar in der Situation, in der sich die Welt aktuell befindet, nämlich in einer Sackgasse, ihm eigentlich mehr helfen als ein Hindernis sein: Obama erscheint auf der verbrannten Erde als die Verkörperung des Neuanfangs. Und das sowohl in der Finanz- und Wirtschaftspolitik, als auch in der Außenpolitik.

Sicher ist, dass Obama nicht alle Versprechungen, die er gegeben hat, wird halten können. Er hat auch während des Wahlkampfes sorgfältig vermieden, darüber zu reden, woher er gedenkt, das Geld für die Realisierung seiner Versprechen zu nehmen. Ich wage zu sagen, dies ist im Moment nicht wesentlich. Wichtig ist die Hoffnung, die er den Menschen – in der ganzen Welt – gibt. Das wird der psychologische Effekt in Washington sein. Die „Politik der Hoffnung“ ist seine ganze Kraft, denn sie ist in der Lage, die Menschen zum Handeln zu ermutigen und zu mobilisieren. Diese elektrisierende Kraft, die von ihm ausgeht, ist sein größtes Kapital. Es sind jedoch die Menschen, Amerikas Bürger, die die Wende schaffen und sie erleiden müssen, nicht der Präsident.

Ähnliche Wirkung wird diese „Washingtoner Revolution“ auch auf Europa haben: Obama wird zwar auf den kompromittierten Unilateralismus verzichten, wird aber zugleich viel größere Mitverantwortung für die Geschicke der Welt von ganz Europa und anderen Zentren erwarten. Damit wird Amerika wieder zur Inspirationsquelle für die Menschen in der Welt werden. Der symbolische Wert seines Sieges in dieser Präsidentschaftswahl liegt in der revolutionären Kraft, die vergleichbar ist mit dem Fall des Kommunismus in Osteuropa. Amerika, im Gegensatz zum Beispiel zu China oder Russland, ist in der Lage der Welt eine universalistische Idee zu geben. Das ist ihre historische, schicksalhafte Aufgabe und ihre Stärke. Konkret bedeutet es heute: Seit ein dunkelhäutiger Politiker auf das höchste Amt in Amerika und somit in der ganzen Welt gewählt worden ist, heißt es für die anderen Völker, die noch nicht gelernt haben auf die Kraft der Demokratie zu vertrauen, dass auch sie verantwortlich dafür sind, was in ihren Hauptstädten geschieht. Sie sind dafür verantwortlich und sie können es.

*Aus „Sprichwörtliches“„Entzwei und gebiete! Tüchtig Wort. – Verein und leite! Besserer Hort.“