Goethe:

Selige Sehnsucht
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Sagt es niemand, nur den Weisen, 

Weil die Menge gleich verhöhnet, 

Das Lebend’ge will ich preisen, 

Das nach Flammentod sich sehnet.
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In der Liebesnächte Kühlung, 

Die dich zeugte, wo du zeugtest, 

Überfällt die fremde Fühlung 

Wenn die stille Kerze leuchtet.
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Nicht mehr bleibest du umfangen 

In der Finsternis Beschattung, 

Und dich reißet neu Verlangen 

Auf zu höherer Begattung.


Keine Ferne macht dich schwierig, 

Kommst geflogen und gebannt, 

Und zuletzt, des Lichts begierig, 

Bist du Schmetterling verbrannt.
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Und so lang du das nicht hast, 

Dieses: Stirb und Werde! 

Bist du nur ein trüber Gast 

Auf der dunklen Erde.

Willkommen!
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Poesie ist wie Musik: Eine Eingebung aus einer anderen Welt. Sie kommt – wie Musik – an die Wahrheit heran, sie birgt in sich den Keim der Erkenntnis. Was ist die Botschaft von diesem Gedicht? Dass eine besondere Sehnsucht den Menschen erfüllt, zwingend, unweigerlich erfüllt? Vielleicht. Die Sehnsucht wonach? 


„Die stille Kerze“, das Licht, »das Licht in der Finsternis«, Licht – Materie der geistigen Welt, „Fremde Fühlung“. Scheinbar unerreichbar, vielleicht wirklich unerreichbar. Für diese Sehnsucht nach der Inspiration, nach Erkenntnis bezahlt allerdings der Suchende: „des Lichts begierig, bist du Schmetterling verbrannt“. Es scheint jedoch, ohne diese Sehnsucht, ohne die Suche nach Licht, ohne Leid – das wiederum das Herankommen an den Tod bedeutet – ist das Leben eindimensional, unbedeutend: „Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde“.


„Das Lebend’ge will ich preisen, das nach Flammentod sich sehnet“. Ohne Tod, kein Leben. „Stirb und Werde!“


Diese Worte begleiten mich seit Langem, ich verstehe sie auch als Motto für das, was ich schreibe. Es ist mir wichtig, verstehen zu lernen, wie aus dem oft schmerzlichen Erleben und Erfahren neues Leben, neue Sicht, neue Kraft im Menschen entstehen. Welche Bereicherung Leid für uns bedeutet. 


„Sagt es niemand, nur den Weisen…“